Freies Denken und persönliche Entwicklung

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Jean-François Maréchal *

Laizität und Privatsphäre

»Wir bekämpfen die Kirche und das Christentum, weil sie die Verleugnung der Menschenrechte sind und ein Prinzip der menschlichen Versklavung enthalten« (Jaurès).

In meiner Heimatstadt heißt der Hauptplatz Märtyrerplatz: ein Denkmal zur Erinnerung an Chapuis. Dieser praktizierende katholische Arzt, der sich sehr um die sozialen Probleme kümmerte, diente als freiwilliger amtierender Bürgermeister der Stadt, als die offiziellen Behörden vor dem Vormarsch der französischen Revolutionstruppen geflohen waren (das Land Lüttich hatte für den Beitritt zur Republik gestimmt) und heiratete damals ein Paar, das nicht religiös verheiratet war. Als die österreichischen Truppen 1794 zurückkehrten, wurde er wegen dieser „Gotteslästerung“ zum Tode verurteilt und auf einem öffentlichen Platz hingerichtet.

Kurze Anmerkung für die deutschsprachige Fassung:
»Säkulär« heißt im Wesentlichen »Weltlich« im Gegensatz zu »Geistlich«. Säkularismus weist also auf die Trennung zwischen Staat und Kirche. Kirchengüter links vom Rhein wurden von Bonaparte säkularisiert. Das heißt noch lange nicht, dass damit die Laïzität eingeführt wurde: statt dessen wurden Konkordate abgeschlossen. Laïzität ist also ein breiterer Begriff.
Auf französisch kennt man zwei Eigenschaftswörter: laïc (was nicht zum Klerus gehört) und laïque (auch in der männlichen Form) (was sich auf die Laizität bezieht). In Belgien ganz besonders sind die laiques dit Anhänger des Laïzitätsprinzipes.
Der Terminus »liberal« weist auf den historischen politisch-moralischen Liberalismus, auf den undogmatischen Liberalismus, der nicht unbedingt an den ökonomischen Liberalismus gebunden ist. Man denke an 1848: in Deutschland allerdings ist diese Tradition so gut wie ausgestorben. Die Idee davon finden wir wieder, wenn man »bürgerliche« Parteien erwähnt.

Heute sieht die belgische Verfassung nicht ausdrücklich die Laïzität vor, aber ein Artikel der Verfassung sieht vor, dass jeder eventuellen religiösen Ehe eine Zivilehe vorausgehen muss. Es gibt nicht nur Trennung (Säkularisierung), sondern auch Vorrang des Zivilen auf den privaten Bereich.

Laïzität ist das Prinzip der Trennung von Zeit und Geist, von Politik und Religionen.
Es schließt also auch eine Trennung zwischen öffentlichem und privatem Leben ein. Dies ist ein Raum der Freiheit, in dem das Zivilrecht von vorn herein nicht eingreifen muss, außer aus Gründen des öffentlichen Schutzes (z.B. der öffentlichen Gesundheit). Diese Trennung zwischen öffentlichem und privatem Leben zu leugnen, diesen Raum der Freiheit zu leugnen, ist eine der Definitionen des Totalitarismus.

Das islamische Kopftuch: Sich selbst zu diskriminieren bedeutet, in die Logik der Diskriminierung einzutreten. Können wir uns heute vorstellen, dass Katholiken mit einem großen zwei Meter langen Kruzifix auf dem Rücken die Straße hinuntergehen? Wie können wir das Recht auf Privatsphäre beanspruchen und gleichzeitig die Neutralität des öffentlichen Raums verletzen?

Der Verweis auf eine so genannte »kulturelle Identität« ist irreführend: Niemand ist verpflichtet, auf seine Identität im privaten Bereich zu verzichten, und niemand muss diese Identität anderen im öffentlichen Bereich aufzwingen. Der Staat kennt nur Bürger. Von »dominanter Religion« oder » religiöser Leitkultur«, »christlicher Identität«, zu sprechen, bedeutet, in eine totalitäre Logik einzutreten: Ich denke dabei insbesondere an die Entscheidung des bayerischen Staates, das Kruzifix in allen öffentlichen Gebäuden unter dem Vorwand zu verhängen, dies sei »unsere Kultur«, aber auch an Herrn Macron, Kanon von Lateran seit Ende 2017. Dieser sogenannte »offene Säkularismus« steht im Widerspruch zur Laïzität. Ein Schweizer jüdischen Glaubens ist in erster Linie ein Bürger der Schweizerischen Eidgenossenschaft: dies impliziert die Verurteilung des Antisemitismus verurteilt, aber nicht den Antizionismus, der jede Kritik am Staat Israel mit Antisemitismus gleichsetzt. Staatsangehörigkeit und kulturelle Angehörigkeit sind hier getrennt. Es ist kein Zufall, dass die Jüdische Verteidigungsliga den Präsidenten der Nationalen Front während einer Demonstration begleitete, die auf ein antisemitisches Verbrechen reagierte, als derselbe LDJ die Teilnahme von Linken physisch verhinderte. Selbst nach Aussage eines befragten Beamten der LDJ teilt sie »viele Werte« mit der FN.

Öffentlicher Raum und Neutralität

»Wir haben keine Toleranz, aber wir haben in Bezug auf alle Meinungen Respekt vor der menschlichen Persönlichkeit und dem Geist, der sich dort entwickelt (Jean Jaurès, Januar 1910, in Paris, Abgeordnetenhaus).

Wenn klar ist, dass das, was zu Hause geschieht, privater Natur ist und was bei der Arbeit geschieht, der öffentlichen Ordnung gehört, dazwischen ist die Straße: Ich halte es für einen öffentlichen Raum, wo das Neutralitätsgebot gilt : hier wie anderswo wird durch diese Neutralität die Pluralität (Meinungsvielfalt) garantiert, also der Respekt vor dem anderen. Die scheinbaren Zeichen philosophischer Zugehörigkeit haben dort keinen Platz.

Dies verhindert in keiner Weise die Debatte über Ideen und die Ausübung des freien Denkens, noch ihren Ausdruck: Toleranz ist nicht die Achtung der Ideen des anderen, sondern die Achtung der Person des anderen, die Weigerung, um ihn zu bekämpfen, auf bestimmte Mittel wie Gewalt, Inhaftierung, Ausschluss, Zensur, Folter zurückzugreifen?

Wenn jeder Einzelne seine eigenen Regeln der persönlichen Moral wählen oder sogar seine eigenen Instrumente der moralischen Folter anwenden kann, kann er keine moralische Ordnung beanspruchen, die er anderen auferlegt würde. So muss sich die wissenschaftliche Forschung nicht den Dogmen, insbesondere den moralischen, unterwerfen. Es gibt nicht mehr katholische Algebra als islamische Biologie oder Himmler-orientierter Darwinismus. Auch nicht die liberale Arithmetik, auch wenn das Quasi-Monopol der dominierenden Medien uns versichert, dass es Vollbeschäftigung gibt, wenn es weniger als 5% Arbeitslose gibt, oder 4,9 = 0. Wir stellen jedoch fest, dass in vielen sogenannten »muslimischen« Ländern die Evolutionstheorie selbst aus den Schulen verbannt ist, so wie sie von vielen Christen mit einigem Erfolg in den USA angefochten wird. Die USA, ein Land, das manchmal als Verfechter der individuellen Freiheiten dargestellt wird und wo die Trennung in der Verfassung erscheint, wo es aber in einigen Staaten verboten ist, als Anwalt zu fungieren, in anderen einfach gewählt zu werden, wenn man sich selbst als Atheist bezeichnet. Clinton ist nicht weniger klerikal als Trump, tief im Inneren. Die Gruppe, die Nation, die Gemeinschaft, der Stamm muss rein bleiben, um den Zusammenhalt zu gewährleisten: Muslime, die nur untereinander heiraten dürfen, sind in derselben fundamentalistischen Logik.

Menschen- und Bürgerrechte

Was den »Menschenrechten« zugrunde liegt, ist die Erklärung der Rechte des Menschen und des Bürgers: der Mensch als Individuum, der Bürger in der Stadt. Es gibt zu viele Tendenzen, diese Dualität zu evakuieren, die nicht widersprüchlich, sondern dialektisch ist. Der Begriff der Rechtsstaatlichkeit ist ein früherer. Wenn eine Person für Marx »nicht aufhört, religiös zu sein, weil die Religion auf den privaten Bereich beschränkt ist«, befindet sie sich im öffentlichen Bereich in Konkurrenz und auf Augenhöhe mit anderen Überzeugungen, mit den gleichen Einschränkungen.

Auf welche Menschenrechts-Erklärung soll ich mich beziehen? Menschenrechte, wenn man bedenkt, dass die Hälfte aller Männer Frauen sind, oder Menschliche Rechte (Human Rights)? Der Bezug ist nicht teilbar: Eine Propagandataktik besteht darin, einen Staat nur auf der Grundlage eines Rechts, einer Freiheit, getrennt zu beurteilen. Als Teenager hatte ich eine Brieffreundin meines Alters in den Niederlanden: Am Vorabend des Mai 1968 schrieb sie mir, dass Frankreich eine entsetzliche Diktatur ist, die von einem Militär regiert wird (De Gaulle, der zwar Berufsmilitär war aber demokratisch gewählt wurde), wo die Todesstrafe verhängt wurde (wir sind am Vorabend der Ranucci-Affäre, dem letzten Verurteilten, für den er im Nachhinein unschuldig befunden wurde), und wo die Bürger verpflichtet waren, einen Personalausweis zu besitzen (in der angelsächsischen Tradition unbekannt). Wenn das Kriterium die Haltung gegenüber Homosexuellen ist, erkennt die Presbyterianische Kirche die gleichgeschlechtliche Ehe an, nicht die Methodistische Kirche. Was Trump sehr links von Clinton platziert. Eine kontingente Vision von Menschenrechten, die die Logik dahinter ignoriert.

Idealismus und Ideal

»Marx’ ökonomischer und historischer Materialismus schließt weder logisch noch in Marx’ eigenem Denken das so genannte Ideal aus. (Jean Jaurès, la Revue socialiste, Juni 1894)«.

Bedeutet das, dass es keinen Raum für Ideen gibt, nicht einmal für moralischen Idealismus? Dieser freie Gedanke müsste sich nur auf die Bereiche beschränken, die vulgär »Material« genannt werden? Nein, da der Gedanke selbst materiell ist.

Das genügt, um die Bezeichnung »Ungläubiger« in Frage zu stellen, diese Funktion ohne Argument, die uns manchmal ins Gesicht geworfen wird. Auch der Begriff »Atheist« ist grundsätzlich widersprüchlich, da er die Negation eines vermeintlichen Glaubens ist…… Sie müssen Voltaires klerikalen und aufdringlichen Schurken nicht gelesen haben, um das zu verstehen. Ich bevorzuge die Begriffe »materialistisch« oder »agnostisch mit materialistischer Arbeitshypothese“.

Der materielle Kontext

Ein häufiger Einwand gegen die Laïzität ist, dass er die sozioökonomischen Realitäten ignoriert. Der Einwand gegen diese Kritik wiederum ist, dass es falsch wäre, ideologische und psychologische Faktoren zu vernachlässigen. Der steigende Lebensstandard in der Türkei hat das Aufkommen der islamischen Herrschaft nicht verhindert. Was die Verbrechen betrifft, die im Namen des islamischen Protostaates begangen wurden, so sind sie nur der Spiegel dessen, was die Kreuzzüge waren, weitaus schrecklicher an Zahl und Schrecken als das, was Daesh uns gewöhnt hat. Im Jahre 1912 wurde Marokko durch den Vertrag von Fes unter französisches Protektorat gestellt, was einen Aufstand der Bevölkerung und sogar eine Meuterei der marokkanischen Soldaten, die unter französisches Kommando gestellt wurden, auslöste: es führte zu einem Massaker. Die Stadt Fes war jedoch schon im 11. Jahrhundert Schauplatz eines Massakers an Juden. 1912 schrieb Jaurès wieder in L’Humanité:

»….selbst wenn die Angst zuerst den Hass in den Tiefen der Seelen verdrängt, würde der Hass zweifellos seine Stunde warten. […]
Sicher ist auch, dass die tragischen Folgen dieser Massaker in einer Zeit, in der hundert Millionen Muslime empört und verärgert sind, Frankreich in der weiten Welt des Islam einen anderen Ruf einbringen werden, als wir es uns das schlechte französische Volk erträumt hatte. Die Politik der Plünderung und Eroberung zeigte ihre Wirkung. Von Invasion zu Revolte, von Aufruhr zu Unterdrückung, von Lügen zu Verrat, ein Kreis der Zivilisation erweitert sich.
Aber wenn die Gewalt [….] die verwundete Faser der Muslime verärgert, wenn der Islam eines Tages mit heftigem Fanatismus und einer gewaltigen Revolte auf universelle Aggression reagiert, wer kann überrascht sein?

Eine bemerkenswerte Vorahnung der Angriffe, die in den letzten Jahren das erschüttert haben, was manche »den Westen« nennen (eine Referenz, die übrigens selten definiert wird, als ob das selbstverständlich wäre), eine merkwürdige Kategorie, in der wir gefangen sind.

Es ist interessant, daran zu erinnern, dass der Papst, der zum ersten Kreuzzug aufgerufen hatte, ausdrücklich auf den demographischen Druck hingewiesen hatte: Der »Westen« konnte seine wachsende Bevölkerung nicht mehr ernähren, viele Soldaten waren tatsächlich Söldner, die, während sie am Kreuzzug teilnahmen, ihre Seelen durch die Teilnahme an einer für sie heiligen Sache weiß machten, aber auch durch das »Land, in dem Milch und Honig fließen« angezogen wurden. Die Plünderung von Konstantinopel, die auch der Anfang seines Verlustes war, und die Massaker in anderen Städten zielten übrigens eher auf Schmuck als auf Honig. Der moralische Diskurs versteckte also den Expansionismus. Umgekehrt dient die Geburtenförderung, die diesen Expansionismus zur Folge hat, als Rechtfertigung. Sie ist vielen Ideologien gemeinsam, unter anderem Muslimen und Christen. Sie reduziert die Rolle der Frauen auf die der Legehennen als Kanonenfutter für Expansionskriege. Das Individuum ist den Bedürfnissen des Imperialismus untergeordnet. Wirtschaftliche Bedürfnisse und moralischer Diskurs überschneiden sich: Es genügt zu sehen, wie sich konservative Katholiken und Islamisten treffen, wenn es darum geht, jede Form von Verhütung oder Geburtenplanung zu verurteilen. Ist Maos China totalitär, wenn es die sogenannte »Ein-Kind-Familie« aufzwingt, oder war es eine notwendige Bedingung, um aus dem Elend herauszukommen, in dem es sich befand?

Einfach zu postulieren, dass es die Pflicht des Staates ist, den Raum der Freiheit so weit wie möglich zu erweitern, bedeutet, den Menschen auf den Einzelnen zu reduzieren: Der Mensch lebt auch in der Gesellschaft. Oder es muss allen Menschen erlaubt sein, Waffen zu besitzen, Impfungen abzulehnen, sich allein um die Erziehung ihrer Kinder zu kümmern usw. Dies geschieht in einigen Ländern, nicht ohne Gefahr, und so werden die Menschen in einem geplünderten System »unter die Glocke genommen«: weil es mit Gruppen von Individuen verbunden ist. Der Kommunismus ruft den Korporatismus in Erinnerung oder nennt ihn Korporatismus.

Das Individuum in der Stadt

Bürger sind sowohl kreative Individuen, die sich in die Gesellschaft integrieren und dabei ihre Unterschiede bewahren, als auch aktive Menschen, die die Gesellschaft brauchen, um sie von Zwängen zu befreien. Je weiter wir in der Geschichte gehen, desto größer ist die Abhängigkeit jedes Einzelnen von der Gesellschaft, und gleichzeitig ist es der Fortschritt dieser Gesellschaft, der dem Einzelnen erlaubt, seinen Freiraum zu vergrößern. Die Reduzierung des Bedarfs erhöht die Freiheiten. Der öffentliche Raum sammelt sich und basiert daher auf Gleichgültigkeit. Solidarität braucht Gleichgültigkeit, und in diesem Sinne ist Empathie, diese neue Version der Barmherzigkeit, eine Falle. Kann sich jemand vorstellen, heute das Recht auf Analphabetismus einzufordern? Oder Eltern, die aus philosophischen Gründen eine Befreiung vom Mathematikunterricht fordern? Vor einigen Jahren, aber noch nicht so lange her, sahen wir in den Niederlanden den Schaden, der durch die Ablehnung der Impfung aus philosophischen Gründen verursacht werden könnte.

Der Schutz des Einzelnen erstickt die Person nicht. Im Griechischen heißt das Wort Mensch »Atomo«, Atom, das sich nicht trennen lässt. Es kann jedoch montiert werden. Aber es ist in der Öffentlichkeit, dass Einzelpersonen zusammenkommen und kämpfen. Im Interesse aller oder zumindest der größten Zahl. Und genau dort verlassen wir das Feld des Individualismus und suchen das Gemeinsame. Wenn Nächstenliebe die Existenz reicher und armer Menschen und damit Ungleichheit voraussetzt, um ausgeübt zu werden, bevorzugen wir soziale Gerechtigkeit, die das Ergebnis sozialer Eroberungen ist. Wenn Arbeiter beispielsweise demonstrieren oder streiken, um eine Arbeitszeitverkürzung zu erreichen, tun sie dies nicht nur für die Demonstranten oder Streikenden, sondern für alle. Sie fordern die Gesellschaft als Ganzes heraus. Das sind natürlich unterschiedliche und sogar widersprüchliche Interessen, aber es ist gerade die Debatte und sogar das Kräfteverhältnis der Demokratie in Bewegung.

Indem wir private Meinungen auf ihre Domäne verweisen, verschieben wir die Trennlinien, verhindern, dass sich Dogmen, insbesondere religiöse Dogmen, in die politische, soziale und wirtschaftliche Debatte einmischen, lassen wir diejenigen, die über ihre Unterschiede hinaus für das Gemeinwohl arbeiten, zusammenleben.

Antiklerikalismus?

Denn es ist eine gemeinsame Quelle der Verwirrung: Mit der massiven Einwanderung von Arbeitern, die angeblich aus freiem Willen in ein Europa kamen, das historisch vom Joch der christlichen Kirchen geprägt war, wurden die Laizisten mit einer Reaktion konfrontiert, die nicht mehr an eine zentrale und strukturierte Kirche gebunden ist, wie die politisch-religiöse Lehre des Katholizismus, sondern an eine vielgestaltige Ideologie, den Islam. Der Begriff Antiklerikalismus ist daher nicht mehr wirklich angebracht. Und vor allem der politische Islamismus, der sich als »dritter Weg« präsentiert, in Konkurrenz zu den »bestehenden Kirchen«, in denen wir sehen, dass sich die Menschen so weit entfremdet sehen, dass sie eine neue Sklaverei ihren sehr erworbenen Freiheiten vorziehen. Viele islamisch-faschistische Angriffe wurden von hier geborenen, hier ausgebildeten und bekehrten Menschen durchgeführt. Die soziale Enge hat dieses Ungeheuer hervorgebracht. Und vergessen wir nicht, dass die große Mehrheit der Opfer dieses Terrorismus Muslime sind.

Demokratie, Mehrheitsprinzip und Differenz

Die Logik der Quoten führt die Diskriminierung genau dort ein, wo es a priori keine Diskriminierung gibt. Man kann es »positive Diskriminierung« nennen, aber es ist nicht weniger dieselbe Logik, das einfache Gesetz der Gegenseitigkeit beweist es: Stellen Sie sich jemanden vor, der politisch engagiert, kompetent und ehrlich ist und der auf den Wahllisten seiner Partei erscheinen will, und dem jeder Platz auf diesen Listen mit der Begründung verweigert wird, dass alle für Männer reservierten Plätze bereits besetzt sind, obwohl nach Kandidatinnen gesucht wird, um die Listen zu vervollständigen…. wäre er nicht berechtigt, eine Beschwerde wegen Geschlechterdiskriminierung einzureichen? Was nützt es, die Folgen zu verschleiern, wenn wir nichts an den Ursachen ändern, vor allem nicht an den wirtschaftlichen und sozialen.

Das Recht, unter dem Deckmantel des Ablasses anders zu sein, ist ein reaktionärer Slogan, um Diskriminierung in die Öffentlichkeit zu bringen. Bevorzugen wir Gleichgültigkeit.

Ein konkretes Beispiel dafür, was in die richtige Richtung geht, ist die Abstimmung in Frankreich über das Gesetz über den anonymen Lebenslauf. Sicherlich befinden sich die Arbeiter weiterhin im Wettbewerb auf dem sakrosankten Markt, dieser neuen Gottheit, die eine Reservearmee braucht, aber zumindest werden sie ohne Diskriminierung gleichgestellt. Leider wird diese Maßnahme durch das Vorstellungsgespräch kurzgeschlossen, das weder entfernt noch überwacht wurde.
Die Anerkennung individueller und nicht kategorischer Rechte ist nicht an Zahlen gebunden und impliziert den Schutz von Minderheiten. Die deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens im Osten der Wallonischen Region stellt nicht mal ein Prozent der Gesamtbevölkerung des Landes dar dennoch verfügt sie über Schulen, Krankenhäuser, Kulturzentren, Parlament und Regierung in ihrer eigenen Sprache. Die offizielle belgische Schule hat Religionsunterricht, für fünf anerkannte Religionen, sowie einen Kurs in nicht-konfessioneller Moral: die Anwesenheit eines einzigen muslimischen Schülers kann daher dazu führen, dass in dieser Schule zwei Stunden islamische Religionskurse für diesen einzelnen Schüler organisiert werden.

Die Wirtschaft, ein öffentliches Phänomen

Schließlich ist das alles sehr gut, ruft aber nicht die Macht des Geldes hervor. Soweit eine Wirtschaftspolitik alle betrifft, ist sie öffentlich und sollte offen für Diskussionen sein. Warum wurden die Wirtschaftsführer 1945 nicht oder kaum gegen die Empfehlungen der alliierten Gerichte gerichtet? Hess wusste: Schacht wusste es.

Wirtschaftskraft und öffentliche Hand: Wer setzt die Maßstäbe?

Die Entwicklungen des Kapitalismus haben zur Folge, dass er im Widerspruch zu den durch die Rechtsstaatlichkeit garantierten individuellen Freiheiten steht: Wenn Sie einen Verkehrsunfall haben, was wird die Straßenverkehrsordnung oder die Interessen und Entscheidungen der Versicherungsgesellschaften am meisten belasten? In Staaten, in denen es nominell sehr viel Meinungsfreiheit gibt, gibt es eine heimtückischere und schrecklich wirksame Zensur: Wenn ein Autor niemanden findet, der sein Werk aus Angst vor Repressalien als blasphemisch betrachtet, wenn eine ukrainische Pianistin in Kanada effektiv von der Bühne verbannt wird, weil sie kritische Bemerkungen außerhalb der Bühne gegen die derzeitige Regierung von Kiew macht…. Der Kapitalismus zerstört sich aufgrund seiner inneren Widersprüche selber : der Rückgang der Gewinnrate, wenn man die peinliche Inflation für Investitionen ablehnt, lässt kaum eine andere Wahl als zwischen Rezession und Krieg. In den beiden letztgenannten Fällen werden die Freiheiten untergraben. Und Individuen, atomisiert, haben angesichts dieser privaten Mächte nicht mehr viel Gewicht. Die von den Sozialdemokraten erträumte friedliche Eroberung der Macht durch den Parlamentarismus macht nur in einem Staat Sinn, in dem dieses Parlament tatsächlich Macht hat, einschließlich der Wirtschaftsmacht. Dieser innere Widerspruch des Systems findet sich sogar im Sinne der WTO, die von »Liberalen« für die Regulierung des Freihandels kritisiert wird. Jeder verbindliche Standard vereitelt das Geschäft und die Freiheit, dies zu tun, führt zu Anomie. Auch wenn es bedeutet, eine Vielzahl bestimmter Normen zu erfinden, die nicht mehr das Gesetz und seine eigene Logik widerspiegeln, sondern einfache Machtverhältnisse: Ich denke an private Gerichte, wie sie in den CETA-Abkommen zwischen Europa und Kanada vorgesehen sind.

Goethe hatte die sehr bivalente »Philosophie der Werte« vorweggenommen und geschrieben: »Ich ziehe eine gerechte Unordnung einer ungerechten Ordnung vor«. Aber man kann auch von einer gerechten Ordnung »träumen« angesichts der zutiefst ungerechten Störungen einer Welt, die den Launen eines sakrosankten Marktes überlassen ist. Das könnte sogar ein Kind wie Alice verstehen.

Die öffentliche Schule

Ein weiterer Aspekt: Schule, Bildung. Die Faschisten, insbesondere die Nazis, haben eine gemeinsame Faszination für das Mittelalter. Nicht nur für die heroischen Charaktere vom Typ »Ritter mit dem Schwert auf der Jagd nach dem Bösen«, sondern auch für das damalige sozioökonomische System, seinen Korporatismus. Ursprünglich kümmerten sich die Eltern um die Erziehung, aber auch um den Unterricht ihrer Kinder: Der Sohn des Bäckers wurde Bäcker, der älteste Sohn des Müllers erbte wahrscheinlich die Mühle oder zumindest seinen Pachtvertrag, da viele Mühlen an der Tagesordnung waren. Die Gruppierung in Zünften organisiert diese Versäulung sozial, indem sie sie kaum ausweitet: Der Zugang zu den Berufen ist stark reguliert und wird in der Praxis stark durch Empfehlungen geregelt. Also bleiben wir in den gleichen sozialen Kreisen. Die Schule der Republik, um es kurz zu machen, wird das Geschäft völlig verändern, indem sie das Feld öffnet und den Einzelnen freilässt: der Sohn des Schmiedes kann hoffen, seinen Traum zu verwirklichen, der darin besteht, Zimmermann zu werden, und so weiter. Es ist jedoch keine Anarchie: Wir erinnern uns, dass diejenigen, die während der Revolution Wasser in die Milch gaben, manchmal mit der Laterne aufgehängt wurden. Aber diese individuellen Freiheiten tragen unbestreitbar zur Entwicklung des Einzelnen bei: und das Instrument ist die Schule, die ein gutes Jahrhundert später enden wird, indem sie für alle zugänglich und sogar säkular, frei und obligatorisch ist. Natürlich ist es für alle individuellen Freiheiten gleich: Um in den Genuss dieser individuellen Freiheiten zu kommen, ist es oft notwendig, über Mittel zu verfügen, und Klassenunterschiede spielen eine Rolle. Das Notarstudium ist nicht kostenlos, der Anteil der Söhne von Arbeitern an der Universität bleibt angesichts ihres Anteils an der Gesellschaft gering. Und es bleibt das ganze Problem der Angemessenheit zwischen individuellen Bestrebungen und sozialen Bedürfnissen. Die Debatte ist im Gange: Aufnahmeprüfungen, Leistungsbewertung, Numerus Clausus…. An der Universität Lüttich war es notwendig, die Einschreibung in die Veterinärmedizin zu regeln, sonst wäre die Mehrheit der Studenten…. Französisch. Das Problem überschreitet also Grenzen. Es wäre interessant zu sehen, was die DDR in diesem Bereich getan hat, der tatsächlich Vollbeschäftigung erreicht hat, nämlich Artikel 23 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, um nur diesen Hinweis zu nennen, der nicht die einzige Erklärung der Menschenrechte ist. Die Verteidigung der öffentlichen Schulen bleibt ein gemeinsamer Nenner für alle Freidenker und bringt in Belgien Liberale und säkulare Sozialisten zusammen.

Die Schule der Republik in Frankreich ist jedoch in der Praxis gefährdet: erstens durch die Tatsache, dass sie allzu oft durch die öffentliche Finanzierung bestimmter privater Konfessionsschulen umgangen wird, die oft als »besser gehalten« gelten und mit Klassenunterschieden spielen, aber auch durch die Explosion der Zahl der Kinder, die in den letzten Jahren von der Schulpflicht befreit wurden, weil sich die Eltern schriftlich verpflichtet haben, ihre Ausbildung zu Hause sicherzustellen. Das Gesetz erlaubt es in Frankreich und Belgien. Und Umfragen zeigen, dass diese Kinder oft in Privatschulen eingeschrieben sind, wie zum Beispiel in »Hausaufgabenschulen«, die eigentlich Koranschulen sind. Meines Wissens lässt das Gesetz über die Schulpflicht in Deutschland keine Ausnahmen zu. Böse Zungen mögen erwidern, dass dies im Land der Konkordate und der Kirchensteuer nicht notwendig ist, wo die öffentlichen Schulen bereits stark von den katholischen und protestantischen Konfessionen geprägt sind.

Es besteht ein Spannungsverhältnis zwischen der Bindung an Überzeugungen oder Traditionen einerseits und sozioökonomischen Trends andererseits: Wenn in Belgien die öffentliche Schule in Flandern in der Minderheit ist, wo die Privatschule fast immer katholisch ist, ist sie im ganzen Land rückläufig, obwohl zwei Drittel der Ehen ohne religiöse Zeremonie stattfinden.

Die Person, dieses politische Objekt.

Deshalb können wir meines Erachtens nicht behaupten, Freidenker und Menschen zu sein, ohne diese Ideologien im Dienste des Imperialismus und des gewaltsamen Wettbewerbs zwischen Völkern, zwischen Individuen und zwischen Ländern anzuprangern und zu bekämpfen. Es liegt an jedem von uns zu entscheiden, ob es sich dabei um eine Marktregulierung oder eine radikalere Veränderung der Wirtschaftsweise aus einer eher liberalen oder eher sozialistischen Perspektive handelt. Für Jaurès: »Wenn Sokrates die Philosophie vom Himmel stürzte, stürzte der Sozialismus die Gerechtigkeit vom Himmel«.

Die Rücknahme der positiven Errungenschaften des Liberalismus ist nicht oder nicht nur strategisch: Die Linke könnte die Letzte sein, die diese Errungenschaften verteidigt.

Schlechte Zungen?

Es ist kein Zufall, dass sich Freidenker von Anfang an im Kampf um die Rechte des Einzelnen befanden. In Belgien, wo wir heute drei Amtssprachen haben, unterstützten Ende des 19. Jahrhunderts französischsprachige Freidenker die Flamen, die ihre sprachlichen Rechte beanspruchten: der Grundstein war wahrscheinlich das Recht, in ihrer eigenen Sprache beurteilt zu werden. Französisch war eigentlich die Sprache der Eliten und der Bourgeoisie. Selbst in Schweden, in wohlhabenden Häusern, am Tisch, wurde Französisch gesprochen, um von den Dienern nicht verstanden zu werden. Als Belgien 1830 seine Unabhängigkeit erlangte, herrschte Zenswahlrecht: Nur diejenigen, die Steuern in einer bestimmten Höhe zahlten, hatten das Wahlrecht, d.h. etwa 1% der Bevölkerung. Und diese dominante Minderheit fand es nur natürlich, dass Französisch die offizielle Sprache sein sollte. So viel zu dem flämischen Bauern, der nichts von dem verstand, was ihm das Gericht vorwarf und sich nicht verteidigen konnte. Die Wallonen, die politisch von Frankreich getrennt waren, sprachen weiterhin wallonische Dialekte, dem Altfranzösisch des 17. Jahrhunderts verwandt.

Leider spaltete sich die »flämische Bewegung« auf, die Mehrheit schloss sich einem nationalistischen Flügel an, der vom Klerus unterstützt wurde: Dieser hatte den Feind zunächst als den Protestanten aus dem Norden bezeichnet, den »Holländer«. Aber die Unabhängigkeit von den Niederlanden war längst erreicht, und der neue Feind kam aus dem Süden, vor allem nach der Kommune. Dieser flämische Nationalismus wurde durch die deutsche Besatzung während der beiden Weltkriege angeheizt, was vor allem in den Jahren 40-45 zu zahlreichen »Kollaborationen« führte. Bei der Föderalisierung des Landes entstand die Idee eines doppelten Föderalismus, nicht nach dem Vorbild der »doppelten Mehrheit« wie in der Schweiz, sondern durch die Trennung von kultureller und wirtschaftlicher Zugehörigkeit. Das Land war in drei Wirtschaftsregionen und drei Sprachgemeinschaften aufgeteilt, die sich nicht überschneiden und die Ministerkompetenzen afuteilen. Ein Projekt, das den Antitotalitarismus im ersten Sinn des Wortes verbindet. Sprachliche Zugehörigkeit würde nicht die Zugehörigkeit zu einer Region…. oder einem Staat bedeuten. Es sei denn, man bedenkt, dass jeder deutschsprachige Mensch Deutsch ist und deshalb, wie Jörg Hayder sagte, »Österreich ist nur eine Fehlgeburt der Geschichte«.

Leider wurde das Projekt von der Mehrheit der flämischen Parteien torpediert, die die Region und die Gemeinschaft zusammenführten und Brüssel, eine überwiegend französischsprachige Stadt in Flandern, zur Hauptstadt der flämischen Region wählten. Dies ist eine Quelle von Spannungen, auch wenn der Sprachkonflikt nur eine der Trennlinien zwischen den Komponenten des Landes ist, eine andere sind zum Beispiel konfessionelle Unterschiede, wenn man bedenkt, dass in Flandern die Mehrheit der Schüler private (sogenannte »freie« Schulen, aber nicht frei von öffentlichen Subventionen) konfessionelle (im Wesentlichen katholische) Schulen besucht und dass einige sogenannte Laien ihr Kind in diesen Schulen einschreiben, weil sie »besserer Qualität« und »besser gehalten« wären, also durch Klassenreflex. Aber wenn soziokulturelle Vermischung mehr eine Frage der Bildung als des Unterrichts ist, trägt sie dann nicht auch zur Entwicklung bei?

Es kommt auf das Problem der Trennung zwischen öffentlichem und privatem Leben, dem Leben zu Hause und dem Leben am Arbeitsplatz zurück, mit dem praktischeren der Straße. Wenn wir zum Problem der Sprache kommen, sollten wir definieren, ob sie privat oder öffentlich ist oder beides. Und was der Entwicklung des Einzelnen am besten dient. Ist der Student, der zu Hause Portugiesisch oder Arabisch spricht, aber alle Kurse in Französisch oder Deutsch erhält, benachteiligt oder ist seine Zweisprachigkeit, wenn sie erfolgreich ist, eine Chance? Eine einzige Sprache pro Staat ist unmöglich, es wäre, das Recht auf die Existenz der Schweiz und anderer Länder zu verweigern und sich dem Totalitarismus von »cujus regio, ejus religio« anzuschließen, um »cujus regio, ejus lingua« zu werden. Mein Vater war sehr glücklich, dass er in der Schule, sogar auf dem Spielplatz, kein Wallonisch üben durfte und das »gute Französisch« gelernt hatte, das ihm erlaubte, in der weiten Welt zu reisen. Andererseits halte ich es für inakzeptabel, einem Lehrer die Kenntnisse des Bretonischen aufzuzwingen, wenn es überhaupt eine bretonische Sprache gibt, um sich für eine Stelle in der Bretagne zu bewerben. Aber ich erinnere mich auch an eine Straßenszene in Lüttich, wo eines Morgens, vor Jahren, ein Kind, das zu Unrecht von einem Herrn, der »gut gekleidet« und in Eile war, herumgeschubst wurde, das Quidam in Wallonien auf die Seite legte. Umso schmackhafter, weil der Junge schwarzhäutig war. Ab wann ist eine Sprache eine Regionalsprache? Wie ist ein Ministerpräsident des Landes Sorbisch-Sachsen ein Hindernis für die Demokratie? Regression oder Wachstumsfaktor?

Erreichen wir nicht die Grenzen des Jakobinismus? Und wäre es nicht eine schöne Herausforderung für Freidenker, diese Frage anzugehen? Sprache: privates Phänomen, öffentliches oder beides? Was wird aus dem Konzept des Nationalstaates?

Fazit

Der Kampf gegen den Totalitarismus bringt uns Liberale und Sozialisten im weitesten Sinne dieser Begriffe zusammen. Vernachlässigen wir nicht die positiven Errungenschaften des Liberalismus, sondern überlassen wir es jedem Freidenker, bei jeder freien Prüfung weiter zu gehen, andere Forderungen hinzuzufügen. Wir haben gemeinsam, was wir ablehnen. Lang lebe der Bruderkampf! Wenn wir darauf verzichten hören wir auf zu sein.