{"id":1428,"date":"2023-05-31T17:28:57","date_gmt":"2023-05-31T15:28:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.libres-penseurs.net\/?p=1428"},"modified":"2024-03-31T21:36:06","modified_gmt":"2024-03-31T19:36:06","slug":"neutralitaet-und-multipolare-weltordnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.libres-penseurs.net\/en\/neutralitaet-und-multipolare-weltordnung\/","title":{"rendered":"Neutralit\u00e4t und multipolare Weltordnung"},"content":{"rendered":"<p class=\"qtranxs-available-languages-message qtranxs-available-languages-message-en\">Sorry, this entry is only available in <a href=\"https:\/\/www.libres-penseurs.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1428\" class=\"qtranxs-available-language-link qtranxs-available-language-link-de\" title=\"Deutsch\">Deutsch<\/a>.<\/p><p><\/p>\n<div style=\"margin: 6px 0 1px 12px; float: right; width: 40%;\">\n<p><img decoding=\"async\" style=\"width: 100%;\" src=\"\/wp-wuf\/wp-content\/uploads\/WUF-Kongress_2023_Berger.webp\" alt=\"Peter Berger\" \/><\/p>\n<p style=\"font-size: 0.9em; font-style: italic;\">Peter Berger, Tr\u00e9sorier der Weltunion der Freidenker<\/p>\n<\/div>\n<p>Der Neutralit\u00e4ts-Status wird derzeit sowohl in der Schweiz wie in \u00d6sterreich kontrovers diskutiert. Wie stehen dabei die Fronten? Wie glaubw\u00fcrdig ist die Neutralit\u00e4t der beiden L\u00e4nder vor dem Hintergrund ihrer Geschichte und ihrem Handeln in der gegew\u00e4rtigen Krise? Ergeben sich aus dem Entstehen einer multipolaren Weltordnung neue Perspektiven f\u00fcr neutrale Staaten?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>von Peter Berger<\/strong><\/p>\n<p>Was ist Neutralit\u00e4t? Neutralit\u00e4t und Neutralit\u00e4tspolitik sollten auseinandergehalten werden. Neutralit\u00e4t als staatsrechtlicher Zustand und Neutrali\u00adt\u00e4ts\u00adpolitik als dessen praktische Umsetzung. Neutralit\u00e4t als solche hei\u00dft zun\u00e4chst nur einmal, dass sich ein neutraler Staat nicht an Kriegen beteiligt und keine Stationierung fremder Truppen auf seinem Territorium zul\u00e4sst, was wiederum bedingt, dass er sich bewaffnet. Bei der Neutralit\u00e4tspolitik geht es dagegen um die Ausgestaltung der Neutralit\u00e4t, um die Frage, wie aktiv oder passiv die Politik sein soll (z.\u00a0B. durch Erbringung guter Dienste und Vermittlungsanstren\u00adgungen), wie weit au\u00dfenpolitische Anpassungen an ver\u00e4nderte Rahmen\u00adbedingungen unternommen werden sollen, und es geht bei der Neutralit\u00e4ts\u00adpolitik auch um ihre Glaubw\u00fcrdigkeit, zum Beispiel indem die n\u00f6tige \u00c4qui\u00addistanz zu den Kriegsparteien gehalten wird. Au\u00dferdem sollte man auch noch darauf achten, Neutralit\u00e4t von Blockfreiheit zu unterscheiden. Blockfreiheit schlie\u00dft die Beteiligung an Kriegen nicht aus.<\/p>\n<p>Sowohl in \u00d6sterreich als auch in der Schweiz hat sich die Debatte in der Neutralit\u00e4tspolitik seit der Versch\u00e4rfung der Ukraine-Krise polarisiert. Die Frontenbildung ist \u00e4hnlich. In beiden L\u00e4ndern spielen sich national-konservative Kr\u00e4fte als Verteidiger der Neutralit\u00e4t auf. In <strong>\u00d6sterreich<\/strong> wirft die FP\u00d6 mit scharfer Rhetorik allen andern Parlamentsparteien vor, sie h\u00e4tten mit ihrer Unterst\u00fctzung der Russland-Sanktionen die Neutralit\u00e4t verraten und die Souver\u00e4nit\u00e4t der Republik aufs Spiel gesetzt. Unklar ist, wieweit diese Haltung ernst gemeint ist, oder wieweit sie der Profilierung im Hinblick auf die sich ank\u00fcndigenden Wahlen geschuldet ist. In den 1990er-Jahren hatte sich die FP\u00d6 noch kritisch gegen\u00fcber der Neutralit\u00e4t positioniert. Heute sind es Teile der konservativen \u00d6VP und der Gr\u00fcnen, die mit der Neutralit\u00e4t nicht mehr viel am Hut haben, oder, wie die neoliberalen Neos, die Neutralit\u00e4t ganz zugunsten eines Beitritts zur Nato und einer Europa-Armee abstreifen m\u00f6chten. Sogar der \u00d6VP-Bundeskanzler Nehammer stimmte kurzzeitig in dieses Konzert ein, indem er im M\u00e4rz 2022, als die Neutralit\u00e4tsdiskussion besonders emotional gef\u00fchrt wurde, die Bemerkung fallenlie\u00df, die \u00f6sterreichische Neutralit\u00e4t sei unter einem Druckszenario zustande gekommen. Gezielt war die Bemerkung auf den Staatsvertrag, der \u00d6sterreich 1955 nach der Besatzungszeit wieder die Souver\u00e4nit\u00e4t brachte. Die Sowjetunion hatte damals die bewaffnete Neutralit\u00e4t nach Schweizer Vorbild zur Bedingung gemacht. Nehammer relativierte damit nicht nur die Neutralit\u00e4t, sondern aktivierte damit wieder einmal die alte \u00f6sterreichische Opfer-Legende, wonach die Republik zu einer ewigen Opfer-Rolle verurteilt sei. So wird in der Kontinuit\u00e4t der Opfer-Legende auch die Bedingung des Staatsvertrags als eine Kr\u00f6te gesehen, die geschluckt werden musste, um die Fremdbestimmung los werden zu k\u00f6nnen. Eine eher pragmatische Neutralit\u00e4tspolitik vertritt vor allem die Sozialdemokratie. Hier wird vielfach der Au\u00dfenpolitik der \u00c4ra Kreisky nachgetrauert, deren friedenspolitische Initiativen und Beitr\u00e4ge zur Konfliktbeilegung auf einer aktiven Neutralit\u00e4tspolitik basiert hatten. Aber diese Zeiten sind l\u00e4ngst vorbei. Das war noch vor dem Souver\u00e4nit\u00e4tsverlust durch den Beitritt zur EU und der Teilnahme an Partnership for Peace der Nato.<\/p>\n<p>Hatte die <strong>Schweiz<\/strong> 2014, als der Westen wegen des Beitritts der Krim zur Russischen F\u00f6deration Sanktionen beschloss, dem Druck aus der Nato noch widerstanden, war das nach der Intervention Russlands im Februar 2022 anders. Die Schweizer Regierung hat sehr rasch mitgezogen. Da war ein durchgeknallter Au\u00dfenminister am Werk, ein 150%-Atlantiker, der fr\u00fcher unter anderem auch schon mal damit aufgefallen war, dass er die Zahlungen an das pal\u00e4stinensische Hilfswerk der Uno, UNRWA, eingestellt hat, angeblich wegen Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten. Mit dem Ukraine-Konflikt sah er nun seine Stunde gekommen, endlich einmal eine Rolle in der Weltpolitik spielen zu k\u00f6nnen, und lie\u00df kein internationales Treffen und keine Konferenz aus, die im Zusammenhang mit der Ukraine-Krise stand. Aber seine Hoffnung, dass die Schweiz unter seiner F\u00fchrung in diesem Konflikt eine Vermittler-Rolle \u00fcbernehmen k\u00f6nnte, musste er nach einer kalten Dusche Moskaus begraben. Dieses machte ihm klar, dass die Schweiz nach der \u00dcbernahme der Sanktionspakete f\u00fcr Russland als Vermittlerin nicht in Frage kommen k\u00f6nne. Die Glaubw\u00fcrdigkeit der schweizerischen Neutralit\u00e4tspolitik hat damit einen unermesslichen Schaden erlitten.<\/p>\n<p>Einige internationale Aufmerksamkeit zog die Schweiz etwas sp\u00e4ter in der Frage der Kriegsmateriallieferung auf sich. Und zwar geht es um Waffen, die ans Ausland verkauft wurden. F\u00fcr deren Weiterverkauf an ein Drittland ist eine Bewilligung der Schweizer Beh\u00f6rden notwendig. Diese konnte nicht erteilt werden, da das Kriegsmaterialausfuhrgesetz der Schweiz den Verkauf und Weiterverkauf von Waffen in Staaten, die in Kriege verwickelt sind, verbietet. Es ging unter anderem um die Munition f\u00fcr deutsche Panzer, die an die Ukraine geliefert werden sollten. Die Regierung ist seither einem gewaltigen Druck der Nato und den dazu instrumentalisierten Medien ausgesetzt. Pikanterweise wurde dieses Gesetz erst im vergangenen Jahr novelliert, und zwar als Gegenvorschlag der Regierung und der Parlamentsmehrheit gegen eine weiter gehende Volksinitiative. Seither wird laviert und \u00fcberlegt, wie man sich aus der Aff\u00e4re retten k\u00f6nnte. Inzwischen sind es vor allem sozialdemokratische und gr\u00fcne Parlamentarier die sich zuvorderst f\u00fcr die Waffenlieferungen aussprechen und eine bellizistische Haltung an den Tag legen, die aufgrund ihrer Parteiprogramme und fr\u00fcher gemachten Auslassungen eigentlich nicht hatten vermutet werden k\u00f6nnen. Inzwischen wurde dem Druck nachgegeben, und man arbeitet an der Revision des Gesetzes, um die Lieferungen doch noch zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Einen Eklat gab es im Parlament bei einer Debatte \u00fcber das veraltete englische Boden-Luft-Abwehrsystem \u00abRapier\u00bb \u2013 eine mittelalterliche Raketentechnik \u2013, das zur Verschrottung freigegeben wurde. Diese Ger\u00e4te w\u00fcrden der Ukraine doch noch wertvolle Dienste erweisen, fand die Kriegergarde des Parlaments, orchestriert mit der Mainstreampresse, und griff die Regierung deswegen an. Als der sozialdemokratische Regierungschef bei der Verteidigung der Verschrottungsaktion, auch unter Hinweis auf die Neutralit\u00e4tsverpflichtung, beil\u00e4ufig bemerkte, \u00abin gewissen Kreisen\u00bb stelle er einen \u00abKriegsrausch\u00bb fest, hagelte es Kritik, und sein Parteivorsitzender liess ihm <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/schweiz\/im-fall-der-ukraine-muss-europa-und-damit-auch-die-schweiz-dieses-selbstverteidigungsrecht-unterstuetzen-nicht-nur-moralisch-oder-humanitaer-sondern-auch-militaerisch-ld.1730189?reduced=true\">per Medien ausrichten<\/a>, man stehe in diesem Krieg \u00abin einem Konflikt zwischen der freien Welt und einem autorit\u00e4ren Regime\u00bb, und: \u00abWir haben mit Russland eine imperialistische, ich w\u00fcrde sogar meinen, protofaschistische Macht\u00bb.<\/p>\n<p>Gegen die Sanktionen stellt sich die national-konservative Schweizerische Volkspartei, gest\u00fctzt auf ihr Verst\u00e4ndnis von Neutralit\u00e4t. Die Partei hat eine <a href=\"https:\/\/kommunisten.ch\/media\/ubogen-neutralitaet-pda.pdf\">Volksinitiative lanciert<\/a>, welche die Neutralit\u00e4t sowie das Verbot \u00abnichtmilit\u00e4rischer Zwangsmassnahmen gegen kriegf\u00fchrende Staaten\u00bb in der Bundesverfassung verankern will. Derzeit l\u00e4uft die Unterschriftensammlung. Bei jenem Teil der Linken, der nicht auf Nato-Kurs ist, stellt sich die Frage, ob die Initiative unterst\u00fctzt werden soll, sp\u00e4testens dann, wenn es zur Volksabstimmung kommt. Auch wenn dem von der Sache her kaum etwas entgegensteht, f\u00e4llt vielen eine informelle Allianz in dieser Frage nicht leicht. Linke stehen f\u00fcr eine offene und aktive Neutralit\u00e4t, w\u00e4hrend die SVP sie mit Abschottung verbindet, einer v\u00f6llig mystifizierten Vorstellung von Neutralit\u00e4t huldigt und dabei nicht sehr konsequent ist. Der in der italienischsprachigen Schweiz verankerte <a href=\"https:\/\/www.partitocomunista.ch\/\">Partito comunista<\/a> sowie die <a href=\"https:\/\/www.pda-basel.ch\/\">Partei der Arbeit Basel<\/a> beteiligen sich unterdessen an der Unterschriftensammlung.<\/p>\n<p>Die kanonische \u00dcberh\u00f6hung der schweizerischen Neutralit\u00e4t ist erst im 20. Jahrhundert entstanden. Als die Neutralit\u00e4t am Wiener Kongress der Schweiz durch die Gro\u00dfm\u00e4chte verordnet wurde, nahm man sie nicht sehr ernst. Sonst h\u00e4tte man nicht noch im selben Jahr bei der erstbesten Gelegenheit vier milit\u00e4rische Vorst\u00f6\u00dfe in die franz\u00f6sische Freigrafschaft unternommen. Besonders die Erfahrung, inmitten Europas zwei Weltkriege \u00fcberstanden zu haben, ohne hineingezogen zu werden, hat eine Legende entstehen lassen, dies sei allein der Neutralit\u00e4t und der entschlossenen Wehrbereitschaft des Landes zu verdanken. Das Narrativ entwickelte sich so weiter, dass die Neutralit\u00e4t mit der Zeit als genuin schweizerische Lebensweisheit, geboren aus h\u00f6herer Einsicht, gehandelt wurde. Das hat zeitweise zivilreligi\u00f6se Z\u00fcge angenommen. Der Fakt, dass die Neutralit\u00e4t eine 1815 von den Gro\u00dfm\u00e4chten autorit\u00e4r \u00fcber die Schweiz verf\u00fcgte Formel ist, entschwand so vielerorts aus dem kollektiven Bewusstsein. Erst mit dem Bespitzelungs-Skandal und den Enth\u00fcllungen \u00fcber die nachrichtenlosen Verm\u00f6gen von Verfolgten des Nazi-Regimes in den 1990er-Jahren begann der Neutralit\u00e4ts-Mythos seinen Zauber zu verlieren.<\/p>\n<p>Die Neutralit\u00e4t, wie sie gerade w\u00e4hrend der beiden Kriege praktiziert wurde, wird dem lange \u2013 von der national-konservativen Rechten bis heute \u2013 gepflegten Narrativ vom Neutralit\u00e4ts-Mythos nicht gerecht. Sie hat den Aktion\u00e4ren der kriegswichtigen Exportindustrie fette Gewinne eingebracht. Ein <a href=\"https:\/\/www.academia.edu\/40376985\/Schweizer_Stahlindustrie_Alle_Kriegsparteien_beliefert\">Branchenbericht aus dem Ersten Weltkrieg<\/a>:<br \/>\n\u00abDer relativ bescheidenen Vorkriegsindustrie der Schweiz in Eisen- und Kupferwaren hat der Krieg eine m\u00e4chtige Bereicherung und ganz au\u00dferordentliche Besch\u00e4ftigung in vielen ihrer bisherigen Betriebsrichtungen gebracht. Dar\u00fcber hinaus aber hat er durch seinen unermesslichen Munitionsbedarf den Kreis dieser Industrien haupts\u00e4chlich nach drei Seiten hin in ungeahnter Weise erweitert:<br \/>\n1.\u00a0durch den gewaltigen Bedarf an Stahlm\u00e4nteln f\u00fcr Artilleriegeschosse: Granaten-, Haubitzen-, Schrapnellh\u00fclsen etc. und andererseits<br \/>\n2. an genau tempierten Schrapnellz\u00fcndern und andern Geschossteilen aus Kupfer, Zink, Aluminium etc.<br \/>\n3. Sodann durch die m\u00e4chtige F\u00f6rderung der Herstellung von Elektrostahl in der Schweiz.\u00bb<\/p>\n<p>Neutralit\u00e4t als Gesch\u00e4ft schon im Ersten Weltkrieg! Demgegen\u00fcber begann die Bev\u00f6lkerung immer mehr unter der Kriegsteuerung und den fehlenden Familieneinkommen aufgrund der langen Abwesenheit der Wehrm\u00e4nner zu leiden, bis sich schlie\u00dflich die sich stetig versch\u00e4rfenden sozialen Gegens\u00e4tze in den Novembertagen 1918 in einem dreit\u00e4gigen landesweiten Generalstreik entluden.<\/p>\n<p>Im Zweiten Weltkrieg wurden die Bedingungen f\u00fcr die Neutralit\u00e4t der Schweiz schwierig, nachdem das Land ab Juni 1940 vollkommen von den Achsenm\u00e4chten umgeben war. Ihre Versorgung war auf Gedeih und Verderb von den faschistischen M\u00e4chten abh\u00e4ngig. So kam am 9. August 1940 in Berlin ein Handelsvertrag zwischen der Schweiz und dem Deutschen Reich zustande. Es ging in diesem Vertrag, wie der Historiker <a href=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/politik\/schweiz\/so-kooperierte-die-schweiz-mit-hitler-deutschland\/\">Hans Ulrich Jost schreibt<\/a>, \u00abim Wesentlichen darum, die Industrie und die Finanzkraft der Schweiz an die deutsche Kriegswirtschaft anzudocken. Zentraler Punkt des Abkommens war ein von der Schweiz gew\u00e4hrter Kredit, den Deutschland insbesondere f\u00fcr den Ankauf von Kriegsmaterial einsetzte. Mit den Vertr\u00e4gen war die Schweizer Wirtschaft praktisch in die deutsche Kriegswirtschaft integriert. Ich zitiere nochmals Jost: \u00abDeutschland brauchte dringend Devisen und eine gesicherte und exklusive Zusammenarbeit mit der schweizerischen Industrie, sowie freien Zugang zu den Alpentransversalen. Die Schweiz sollte auch den Handel mit den gegen Deutschland im Krieg stehenden L\u00e4ndern abbrechen. Berlin verzichtete jedoch auf eine de-jure-Verpflichtung, da Bern bereit war, de facto entsprechende Ausfuhren zu verhindern.\u00bb<\/p>\n<p>Eine besonders krasse Verletzung der Neutralit\u00e4tspflicht durch die Schweiz ist die Entsendung von sogenannten <a href=\"https:\/\/geschichte.redcross.ch\/ereignisse\/ereignis\/die-aerztemissionen-des-srk-an-der-ostfront.html\">\u00c4rztemissionen an die deutsche Ostfront<\/a>. 60 Schweizer Milit\u00e4r\u00e4rzte und Krankenschwestern verbrachten ab 1. Oktober 1941 \u2013 unter dem Patronat des Schweizerischen Roten Kreuzes \u2013 als Freiwillige einen dreimonatigen Einsatz in Smolensk. Sie waren in die Befehlsstrukturen der Wehrmacht einbezogen und durften ihre medizinische Hilfe nur deutschen Staatsb\u00fcrgern zukommen lassen. Die wurden zum teil auch Zeugen von Gr\u00e4ueltaten. Es war ihnen aber verboten, nach ihrer R\u00fcckkehr dar\u00fcber zu berichten. Dieser Mission folgten bis M\u00e4rz 1943 drei weitere Missionen in Stalino, Saporischja und Juchnow.<\/p>\n<p>Diesen beiden erw\u00e4hnten F\u00e4llen liessen sich noch viele weitere beif\u00fcgen. Es liessen sich ferner viele Beispiele aus der Zeit des Kalten Krieges anf\u00fchren, in denen, zum Beispiel in Sachen Zusammenarbeit mit Geheimdiensten, nicht im Sinne der Neutralit\u00e4t gehandelt wurde. Oder wenn alten Nazigr\u00f6ssen, die unterdessen im Dienste der Adenauer-Regierung ihre Karriere fortsetzten, der Hof gemacht wurde, w\u00e4hrend Antifaschisten Auftrittsverbote erhielten.<\/p>\n<p>Zunehmend zur Farce wird die Schweizer Neutralit\u00e4t aber in j\u00fcngster Zeit, vor allem im milit\u00e4rischen Bereich, wie selbst <a href=\"https:\/\/www.academia.edu\/94054368\/Das_Ende_der_Schweizerischen_Neutralit%C3%A4t\">in milit\u00e4rischen Fachzeitschriften festgestellt<\/a> wird. Das begann mit dem Beitritt zu Partnership for Peace. Die Schweizer Armee wird z\u00fcgig auf Nato-Format gebracht: F\u00fchrungs-Reglemente, milit\u00e4rische Infrastruktur, Kriegsmaterial. Der neuste Fall ist die Beschaffung von 36 F35-Kampfflugzeugen von Lockheed Martin. Diese Flugzeuge k\u00f6nnten im Ernstfall nicht gegen die Interessen der USA eingesetzt werden, weil sie <a href=\"https:\/\/kommunisten.ch\/index.php?article_id=1771\">vom Hersteller jederzeit deaktiviert<\/a> werden k\u00f6nnen! In der Kritik steht auch eine enge R\u00fcstungs-Zusammenarbeit mit Israel.<\/p>\n<p>Die Schweiz wird auch im Zivilbereich immer mehr zum Vasall der USA, zum Beispiel mit der extra-territorialen <a href=\"https:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/sie-hoeren-cuba-und-sofort-stoppen-schweizer-banken-die-ueberweisung-822274300839\">Anwendung von US-Sanktionen durch die Schweizer Banken<\/a>. Sie wickeln unter Berufung auf die US-Wirtschaftsblockade z. B. gegen Kuba keine Geldtransaktionen ab, wenn sie etwas mit Kuba zu tun haben, um ihre US-Gesch\u00e4fte nicht zu gef\u00e4hrden. Und zwar auch dann, wenn es sich um eine Transaktion innerhalb der Schweiz handelt, zum Beispiel den Mitgliederbeitrag f\u00fcr die Solidarit\u00e4tsorganisation Vereinigung Schweiz-Cuba. Sobald das Wort \u00abKuba\u00bb im Absender- bzw. Empf\u00e4ngernamen oder auch nur im Zahlungsvermerk auftaucht, wird die Zahlung retourniert. Es wurden Petitionen eingereicht, parlamentarische Vorst\u00f6\u00dfe veranlasst. Die Regierung verschanzt sich jedoch hinter dem Scheinargument, sie k\u00f6nne sich nicht in privatrechtliche Angelegenheiten einmischen&#8230; Nicht einmal bei den staatlichen Banken.<\/p>\n<p>Welche Bedeutung k\u00f6nnen nun die Erfahrungen neutraler Staaten im Hinblick auf eine zuk\u00fcnftige multipolare Weltordnung haben? Man sollte die Neutralit\u00e4t vielleicht in einen Bezug zur Souver\u00e4nit\u00e4t des Staates stellen. Die Erfahrungen der Schweiz zeigen, dass sie nur dann die M\u00f6glichkeit hatte, eine aktive, dem Frieden dienende Rolle zu spielen, wenn sie nicht einem hegemonialen Umfeld ausgeliefert war, sie also einigerma\u00dfen souver\u00e4n handeln konnte. Wenn nun letzthin von einem (sozialdemokratischen) Alt-Politiker gesagt wurde, die Schweiz sei nicht deshalb vom Krieg verschont geblieben, weil sie neutral war, sondern deshalb weil sie nicht neutral war, ist das zwar nicht unzutreffend. Es w\u00e4re aber falsch, deswegen die Neutralit\u00e4t \u00fcber Bord zu werfen. Viel mehr spricht das f\u00fcr eine multipolare Weltordnung, in der kleine Staaten nicht mehr zum Vasallentum eines Hegemons verurteilt sind. Aber, das m\u00f6chte ich zum Schluss festhalten: solange die Schweiz wie auch \u00d6sterreich kapitalistische Staaten sind, wird der Staat als \u00dcberbau ihrer Volkswirtschaften seine Politik, auch die Neutralit\u00e4tspolitik, in den Dienst des Kapitals stellen. Aber vielleicht er\u00f6ffnet die neue multipolare Weltordnung auch hier neue Perspektiven f\u00fcr eine Ver\u00e4nderung.<\/p>\n<p>Peter Berger<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sorry, this entry is only available in Deutsch. Peter Berger, Tr\u00e9sorier der Weltunion der Freidenker Der Neutralit\u00e4ts-Status wird derzeit sowohl in der Schweiz wie in \u00d6sterreich kontrovers diskutiert. Wie stehen dabei die Fronten? Wie glaubw\u00fcrdig ist die Neutralit\u00e4t der beiden L\u00e4nder vor dem Hintergrund ihrer Geschichte und ihrem Handeln in der gegew\u00e4rtigen Krise? 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