{"id":2599,"date":"2025-08-19T17:00:11","date_gmt":"2025-08-19T15:00:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.libres-penseurs.net\/?p=2599"},"modified":"2025-09-02T17:41:02","modified_gmt":"2025-09-02T15:41:02","slug":"die-freiheit-die-sie-verkuenden-die-repression-die-sie-praktizieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.libres-penseurs.net\/en\/die-freiheit-die-sie-verkuenden-die-repression-die-sie-praktizieren\/","title":{"rendered":"Die Freiheit, die sie verk\u00fcnden &ndash; die Repression, die sie praktizieren"},"content":{"rendered":"<p class=\"qtranxs-available-languages-message qtranxs-available-languages-message-en\">Sorry, this entry is only available in <a href=\"https:\/\/www.libres-penseurs.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2599\" class=\"qtranxs-available-language-link qtranxs-available-language-link-de\" title=\"Deutsch\">Deutsch<\/a>.<\/p><p><strong>Beitrag von ARMAND CLESSE an der Konferenz 2025 der WUF in Gy\u0151r<\/strong><\/p>\n<p>Sehr viele Menschen machen sich Sorgen um die Sicherheit oder um das Klima, sehr wenige um die Freiheit. Oder wer w\u00fcrde schon f\u00fcr die Verteidigung der Grund\u00adfreiheiten auf die Stra\u00dfe gehen? Manche w\u00e4ren sogar bereit, f\u00fcr die Sicherheit oder den Schutz des Klimas auf Freiheiten zu verzichten. Gezeter, Gezerre, hysterische Aufwallung und hei\u00dfe Luft, wenn es um die allerdings in mancher Hinsicht berechtigten Sorgen um die Umwelt geht, Wegschauen und betretenes Schweigen, wenn es um die Freiheit geht. Woher r\u00fchrt diese Gleichg\u00fcltigkeit, diese Indolenz, wenn es sich um die Bedingungen eines dem Menschen w\u00fcrdigen Lebens handelt?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der Staat, ein ungef\u00fcges, aber gefr\u00e4\u00dfiges und gerissenes Monster, eignet sich immer mehr Befugnisse an, entm\u00fcndigt die B\u00fcrger, g\u00e4ngelt sie. Angst bestimmt die Agenda \u2013 Angst vor \u201eKlimakatastrophen\u201c, vor den Fremden, den Fl\u00fcchtlingen, vor Russland und China, vor dem Verlust des Wohlstands und der materiellen Errungenschaften. <\/p>\n<h4>Totalit\u00e4re Versuchungen<\/h4>\n<p>Wer k\u00f6nnte, wer sollte dem Staat Grenzen aufstecken, ihn notfalls in die Schranken weisen? Die liberale Demokratie leidet an An\u00e4mie und Atrophie. Die Parlamente spielen kaum noch eine Rolle als Gegengewicht zur Exekutive. Die Judikative, die ja eigentlich unabh\u00e4ngig sein soll, unterst\u00fctzt sowieso alles etatistische Streben. Die Kirchen haben als m\u00f6gliche Gegenkr\u00e4fte abgedankt. Das was man Zivilgesellschaft nennt wagt sich kaum \u00fcber korporatistische, kleinkarierte Anliegen hinaus. Die Nichtregierungsorganisationen erweisen sich mehr und mehr als verl\u00e4ngerter Arm des Staats, der im Verein mit den Gro\u00dfunternehmen und der Wirtschaft allgemein fast alle gesellschaftlichen Bewegungen kooptiert, assimiliert oder aber entsch\u00e4rft, banalisiert hat. Der Staat lagert zudem seine Macht aus, verschanzt sich hinter pseudo-privaten Strukturen.<\/p>\n<p>Das gesellschaftliche Denken und Leben wird gepr\u00e4gt von Doktrinen, die sich offen und liberal geben, doch in ihrem Kern autorit\u00e4r sind mit einem Hang zum Totalit\u00e4ren. Egalitarismus, Welfarismus, \u00d6kologismus, Feminismus: wissen was f\u00fcr die Menschen gut ist und was ihnen schadet. Alles per Gesetz regeln, Verst\u00e4rkung von Polizei und Justiz, \u201eNull Toleranz\u201c-Gehabe. Deviierendes Gebaren wird h\u00f6chstens im Bereich der Sexualmoral akzeptiert und auch hier nur selektiv. Eine neue Form von Missionarismus und Konvertismus verbreitet sich. Das semi-totalit\u00e4re schwedische Modell als Begl\u00fcckungsideologie f\u00fcr die Welt. Es obwaltet ein Schein\u00adindividualismus, der den unterschwelligen kollektivistischen Drang kaschiert, eine Art sanfte Tyrannei der Wohlmeinenden, der \u201ebien-pensants\u201c.<\/p>\n<p>Ein Ph\u00e4nomen, das man s\u00e4kularer Klerikalismus nennen k\u00f6nnte, hat die Gesellschaft erfasst; es entsteht eine Pr\u00e4skriptions- und Prohibitionsgesellschaft. Symbol dieser Regulierungswut in Europa ist die gesichts-, geschichts-, geist- und kulturlose EU-Kommission: liberalisieren, wo es dem Warenfluss und Warenaustausch n\u00fctzt, harmoni\u00adsieren und standardisieren zu Lasten der individuellen wie nationalen Freiheiten. Man geht schlau vor, verbietet im Namen der Vernunft, des gesunden Menschenverstands, weil man besorgt sei um das Wohl der B\u00fcrger, ihre Gesundheit, ihre Sicherheit. Man spricht im Namen der Moral, des Fortschritts, der Modernit\u00e4t, einer Verantwortungsethik.<\/p>\n<p>Die B\u00fcrger sollen in Obhut genommen werden gem\u00e4\u00df dem Motto: Der Staat wei\u00df am besten was f\u00fcr die Menschen, also den Einzelnen gut ist, auch wenn der dies nicht sofort einsehen mag. Statt Ferdinand Lassalles durchaus kritisch gemeintem Begriff vom Nachtw\u00e4chterstaat, also der Beschr\u00e4nkung auf ein Minimum an Aufgaben f\u00fcr den Staat, entsteht ein Tag- und Nachtw\u00e4chterstaat, statt des vom amerika\u00adnischen Rechtsphilosophen Robert Nozick geforderten \u201eMinimal\u00adstaats\u201c ein \u201eMaximalstaat\u201c. Heimliches Ziel scheint der gef\u00fcgige, eingelullte, ges\u00e4ttigte, geistig tr\u00e4ge B\u00fcrger zu sein, der nur noch f\u00fcr politisch Unbedenkliches und Harmloses sich einsetzt, der total erfasste, vollkommen transparente, gl\u00e4serne, durchleuchtete, digitalisierte B\u00fcrger, der sich frei d\u00fcnkt, aber in Allem \u00fcberwacht und gesteuert wird. Im Namen des Liberalismus mag es so zu einer totalen Regimen\u00adtierung der Gesellschaft kommen. Koerzition und Repression werden dabei als Freiheiten angepriesen. Der totale Staat als m\u00f6glicher Vorl\u00e4ufer des totalit\u00e4ren Staats.<\/p>\n<h4>Infantilisierung und Entm\u00fcndigung<\/h4>\n<p>Die B\u00fcrger werden wie Kinder behandelt, von einem bestimmten Tun abgeschreckt, eventuell bestraft, wenn sie zuwiderhandeln. Eine Art s\u00e4kularer infantiler Dekalog soll das Leben in Gesellschaft leiten: \u201eDu sollst&nbsp;&#8230;\u201c, \u201eDu sollst nicht&nbsp;&#8230;\u201c Der B\u00fcrger soll unter staatliche Kuratel gestellt werden, sich in eine \u201efreiwillige Knecht\u00adschaft\u201c begeben, von der Etienne de La Bo\u00e9tie vor fast einem halben Jahrtausend geschrieben hat. Die G\u00e4ngelung geschieht im Namen der Demokratie. Vergessen scheinen die Warnungen von John Stuart Mill und Alexis de Tocqueville vor der \u201eTyrannei der Mehrheit\u201c.<\/p>\n<p>Eine Gesellschaft, die sich ihrer Liberalit\u00e4t, ihrer Freiz\u00fcgigkeit r\u00fchmt, jedoch in vielen Bereichen repressive Ma\u00dfnahmen ergreift. Permissivit\u00e4t und Libertinage werden mit Liberalit\u00e4t verwechselt. Kritik an Missst\u00e4nden und Ausw\u00fcchsen ist durchaus gestattet, sogar willkommen, solange sie nicht die staatliche Herrschaft infrage stellt. Der Staat m\u00f6chte das Aufbegehren kanalisieren; so soll das Bestehende nicht grunds\u00e4tzlich hinterfragt, sondern im Gegenteil auf direkte oder indirekte Weise gest\u00e4rkt werden.<\/p>\n<p>Jeder B\u00fcrger ist irgendwie a priori verd\u00e4chtig. Jeder hinterl\u00e4sst jederzeit irgendwo einen Abdruck, eine Spur: beim Arzt, in der Apotheke, im Krankenhaus, in der Bank, beim Einkaufen, beim Fliegen, im Restaurant und im Hotel, bei der Arbeit wie in der Freizeit. Die Totalerfassung der B\u00fcrger, die das geistige Verm\u00f6gen des menschlichen Gehirns v\u00f6llig \u00fcbersteigen w\u00fcrde, ist kein Problem f\u00fcr das Elektronengehirn mit seinen schier grenzenlosen Registrierungs- und Auswertungsm\u00f6glichkeiten. Der total kontrollierte B\u00fcrger mag sich gegen seine \u00dcberwachung auflehnen, zieht aber damit nur seine unsichtbaren Fesseln fester zu. Im allgemeinen aber kuscht er und verliert so weiter an Selbstachtung und Selbstbehauptungswillen.<\/p>\n<h4>Der programmierte Mensch<\/h4>\n<p>Philosophen, die von einem zyklischen Ablauf der Geschichte ausgehen, mag es unvermeidlich erscheinen, dass auf die libert\u00e4re oder vielmehr scheinlibert\u00e4re Gesellschaft eine autorit\u00e4re, auf die permissive eine repressive und prohibitio\u00adnistische folgt. Man k\u00f6nnte die derzeitige Entwicklung in den westlichen Gesell\u00adschaften als liberale Repression bezeichnen, gepr\u00e4gt durch vorauseilende geistige Anpassung, Einheitsdenken, ideologisches Mainstreaming.<\/p>\n<p>Ein unguter Geist weht \u00fcber der \u201eliberalen\u201c westlichen Gesellschaft: Es ist der Geist der Verd\u00e4chtigung, der Bespitzelung, der Delation, des vorwegnehmenden Gehorsams, des Misstrauens \u201etous azimuts\u201c, begleitet von Zwang, Juridisierung und Justizialisierung des Lebens. W\u00e4hrend man von Freiheit und Autonomie redet, schn\u00fcrt man dieser Freiheit immer mehr den Lebensodem ab. Es mag eines Tages keinen Terrorismus mehr geben, vielleicht auch, so utopisch dies klingen mag, kaum noch Verbrechen wie Raub\u00fcberf\u00e4lle, Mord oder Totschlag, aber auch keine Freiheit mehr. Totale Sicherheit k\u00f6nnte sich dann als totale Unfreiheit und Oppression erweisen.<\/p>\n<p>Es ist als ob man dem Menschen das Leben oder zumindest vitale Teile davon abnehmen m\u00f6chte. Schon ist die Rede davon, Tempobegrenzer in Autos einzubauen, bevor man den Menschen das Fahren ganz abnehmen mag. Denn, so scheint man zu denken, Maschinen begehen keine Dummheiten, Maschinen \u00fcbertreten nicht das Gesetz. Und wieso sollte man nicht, in einer kommenden transhumanen Welt, den Menschen oder das, was von ihm \u00fcbrig bleibt, programmieren, so wie man Maschinen programmiert und sie damit v\u00f6llig im Zaum halten. So wird die Maschine zum Vorbild, zum Ideal, dem der Mensch nacheifern soll. Parieren jederzeit. Nicht vom vorgegebenen Kurs abweichen. Das Ergebnis k\u00f6nnte ein Mensch sein, der so wenig selbst\u00e4ndig und selbstbestimmt sein mag wie kein Mensch vorher, unter keinem Regime, zu keiner Zeit.<\/p>\n<h4>Was von der Freiheit \u00fcbrigbleiben mag<\/h4>\n<p>In den westlichen L\u00e4ndern ist es in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu einem Abbau der Grundfreiheiten gekommen, ohne dass es nennenswerten Widerstand gegeben h\u00e4tte. Dieser Abbau geschah im Namen des Kampfes gegen \u201eExtremismus\u201c, \u201eTerrorismus\u201c, \u201eIslamismus\u201c und zuletzt gegen die Pandemie.<br \/>\nBesonders drastisch ist diese Beschneidung in Frankreich. Es hat eine Versch\u00e4rfung der repressiven Gesetzgebung, eine Verschiebung hin zu einer Art politisierter Pr\u00e4ventiv- und Ad hoc-, einer Verdachts- und Vermutungsjustiz gegeben. Zugleich erhielt die Polizei gr\u00f6\u00dfere Befugnisse, zu Lasten der Gerichtsbarkeit, verst\u00e4rkte die Exekutive, vor allem das Justiz- und das Innenministerium, seine Macht, zuungunsten der parlamentarischen Strukturen. Es gibt eine besorgniserregende Zunahme des infra- bzw. au\u00dfergerichtlichen repressiven Vorgehens, also des Umgehens der eigentlichen gerichtlichen Instanzen, weg vom \u201edue process\u201c, einem \u201eordentlichen Verfahren\u201c. All dies kann l\u00e4ngerfristig zu einer t\u00f6dlichen Bedrohung f\u00fcr den Rechtsstaat werden. <\/p>\n<p>Man reduziert die Freiheit im Namen der Freiheit. Man \u00fcberwacht, kontrolliert, verhaftet ohne viel Federlesens. \u201eTracking and tracing\u201c, Verfolgung und Nachverfolgung, Aufsp\u00fcren und Aufzeichnen. Denunziation gilt auf einmal f\u00fcr manche als B\u00fcrgertugend, ja geradezu als B\u00fcrgerpflicht.<br \/>\nDie soziale Kontrolle wird digitalisiert und zugleich intensiviert. Ein l\u00fcckenloses Netz wird gewoben. Niemand soll mehr unbemerkt und gegebenenfalls ungestraft abweichen k\u00f6nnen von dem was der Staat vorgibt. Zur Rechtfertigung erkl\u00e4rt man, dass der \u201eanst\u00e4ndige B\u00fcrger\u201c nichts zu bef\u00fcrchten habe, dass er sich nur an die staatlichen Vorgaben zu halten brauche und dann unbehelligt bliebe. Die \u201eschlechten Elemente\u201c sollen vorzeitig herausgefiltert werden. <\/p>\n<h4>Risiken f\u00fcr den Rechtsstaat<\/h4>\n<p>Es besteht die Gefahr, dass man zwei Kategorien von Rechtssubjekten schafft, den \u201enormalen B\u00fcrger\u201c und den \u201einneren Feind\u201c und dass man die beiden Kategorien von vornherein unterschiedlich behandelt. Es ist sch\u00e4dlich f\u00fcr das Gemeinwesen, wenn man, um den Rechtsstaat zu bewahren, Bestimmungen des Rechtsstaats, wenn auch nur \u201evorl\u00e4ufig\u201c, indem man sich auf \u201eau\u00dfergew\u00f6hnliche Umst\u00e4nde\u201c beruft, au\u00dfer Kraft setzt. Wenn jemand a priori als Feind feststeht, kann es zu keinem fairen Verfahren kommen. Auf diese Weise h\u00f6hlt der Staat fast unmerklich die Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit aus, also die Fundamente des demokratischen Gemeinwesens. Die Aushebelung der Grundfreiheiten, unter Verweis auf Dringlichkeit, vollzieht sich fast heimlich, handstreichartig, ohne \u00f6ffentliche Debatte, also auf eine nicht-demokratische Weise. Es kommt zu einer Euphemisierung der rechtlichen Terminologie und zugleich einer Art Etikettenschwindel: der Inhalt der Ma\u00dfnahmen und Beschl\u00fcsse ist oft verschieden von dem, was auf der Packung steht, die Substanz stimmt nicht mit der Form \u00fcberein.<\/p>\n<p>Freiheit ist ein prek\u00e4res Gut. Die meisten Menschen wissen sie oft erst dann zu sch\u00e4tzen, wenn sie dabei sind, sie zu verlieren oder sie schon verloren haben. Es gibt Menschen, die meinen, Freiheit k\u00f6nne man, wie das Licht, nach Belieben ein- und ausschalten. Sie begreifen nicht, wie einfach es ist, Freiheit wegzunehmen, wie schwierig, sich Freiheit wiederzuerk\u00e4mpfen. Dabei ist Nicht-Freiheit, historisch betrachtet, der nat\u00fcrliche Zustand der Gesellschaften. Jedes St\u00fcck Freiheit hat der Gesellschaft und nat\u00fcrlich dem Staat abgerungen werden m\u00fcssen. Bei der geringsten Unachtsamkeit wird die Freiheit wieder zur\u00fcckgedr\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Wer erhebt sich gegen diese libertiziden Ma\u00dfnahmen, wer mahnt auch nur, verwendet sich f\u00fcr die so m\u00fchsam im Laufe von vielen Jahrhunderten errungenen rechtsstaatlichen Grundg\u00fcter? Die sogenannten Menschenrechtsorganisationen reagieren zaghaft; sie m\u00f6chten es sich nicht mit Staat und Regierung verderben. Es gibt zwar ein paar mutige Juristen und Anw\u00e4lte, doch sie sind eher einsame Rufer in der W\u00fcste. Wer m\u00f6chte sich schon unbeliebt machen oder gar verd\u00e4chtig, wer seinen Ruf, seine Karriere, sein Einkommen aufs Spiel setzen? Von den sogenannten Normalb\u00fcrgern ist wenig Widerstand zu erwarten; die meisten, so belegen es Umfragen \u00fcberall in Europa, wollen vor allem einen starken Staat. Sicherheit ist ihnen wichtiger als Freiheit. Sicherheit ist f\u00fcr sie etwas Handfestes, Freiheit etwas Abstraktes, schwer zu Fassendes. Die wenigen einigerma\u00dfen unabh\u00e4ngigen Intellektuellen sind eingesch\u00fcchtert. Sie wissen, dass sie schon mit einem falschen Wort Kopf und Kragen riskieren. Vielen Studenten geht es um das materielle \u00dcberleben, sie sind psychisch ersch\u00f6pft. Die Medien m\u00f6chten weder ihre Sponsoren noch ihre Konsumenten verdrie\u00dfen.<\/p>\n<h4>Kollateralsch\u00e4den<\/h4>\n<p>Es gibt die unbeabsichtigten, manchmal auch heimlich gewollten Nebenwirkungen und Kollateralsch\u00e4den des staatlichen Vorgehens. \u201eExtremismus\u201c, \u201eIslamismus\u201c oder \u201eTerrorismus\u201c sind eine Art Keulenbegriffe, die, vielleicht bewusst, nie richtig definiert worden sind und in die man so alles M\u00f6gliche hineinpacken kann. Wie mancher Chirurg will man \u201etief schneiden\u201c, um kein krankes Gewebe, keine Wucherungen \u00fcbrigzulassen. Man will das \u201eUnkraut\u201c vertilgen und m\u00fcsste eigentlich bedenken, dass auch N\u00fctzliches und Sch\u00f6nes dabei zu Schaden kommen kann.<\/p>\n<p>Westliche Staaten m\u00f6chten die \u201eApologie des Terrorismus\u201c bestrafen. Doch wie soll man dies tun, ohne die Meinungsfreiheit drastisch einzuschr\u00e4nken? \u00c4hnliches gilt f\u00fcr den \u201eAufruf zu Gewalttaten\u201c: Wo ist die Grenze zwischen harscher Kritik der bestehenden Verh\u00e4ltnisse und \u201eVerherrlichung von Gewalt\u201c oder gar \u201eAufruf zu Gewalt\u201c? Man bestraft schon die unterstellte Absicht, etwas vor dem Cesare Beccaria, gewisserma\u00dfen der geistige Vater des modernen rechtsstaatlichen Denkens, gewarnt hatte.<\/p>\n<p>Eine Gesellschaft des generalisierten Misstrauens ist entstanden, des Misstrauens \u201etous azimuts\u201c. Jeder ist verd\u00e4chtig, nicht nur an Flugh\u00e4fen, solange er nicht beweisen kann, dass er unschuldig ist. \u201eIn dubio contra reum\u201c, \u201eIm Zweifelsfall gegen den Angeklagten\u201c, scheint nunmehr die allgemeine staatliche Maxime zu lauten. Der B\u00fcrger soll sich st\u00e4ndig ausweisen, stets beweisen k\u00f6nnen, dass er nichts Arges im Schilde f\u00fchrt. Die Anti-Covid-Ma\u00dfnahmen haben gezeigt, was technisch und operativ m\u00f6glich ist. Zugleich kommt es zu einer allgemeinen Tribunalisierung der Gesellschaft. Unz\u00e4hlige B\u00fcrger schwingen sich zu Richtern auf, urteilen, verurteilen, stellen Zertifikate \u201ede bonne vie et moeurs\u201c, Leumundszeugnisse aus oder auch deren Gegenteil.<\/p>\n<h4>Die vitale Bedeutung von Gegengewichten<\/h4>\n<p>Der Staat, jeder Staat, egal in welchem politischen System, m\u00f6chte soviel Macht wie m\u00f6glich. Er f\u00fchlt sich unwohl bei allem, was er nicht unter Kontrolle hat. Um ein Minimum an Freiheit zu erhalten bedarf es deshalb starker Gegengewichte, z.&nbsp;B. der sogenannten Zivilgesellschaft. Auch Gewerkschaften, Kirchen haben teilweise, aber l\u00e4ngst nicht immer und \u00fcberall diese Rolle gespielt; genau so oft, wahrscheinlich \u00f6fter waren sie auf Seiten des Staates, der Koerzition und Repression.<\/p>\n<p>Politische Idealisten hatten gehofft, mit dem Aufkommen der liberalen Demokratie dem \u201eLeviathan\u201c Paroli bieten zu k\u00f6nnen. Doch hat sich dies weitgehend als (Selbst-) T\u00e4uschung herausgestellt. Und so ist die Freiheit in arge Bedr\u00e4ngnis geraten. Im Westen scheinen die totalit\u00e4ren Regime des 20. Jahrhunderts immer mehr in Vergessenheit zu geraten. Mancher B\u00fcrger ist verwirrt. Er mag ein Unbehagen sp\u00fcren, kann sich aber die Ursachen dieser Malaise nicht erkl\u00e4ren. Demokratie wird f\u00e4lschlicherweise durchweg gleichgesetzt mit Freiheit. Doch es kann Demokratie ohne Freiheit geben, wenn die Mehrheit des Volkes in den eigenen Freiheitsentzug einwilligt, sich selbst entm\u00fcndigt.<\/p>\n<p>Es ist in letzter Zeit viel die Rede von \u201ecancel culture\u201c, davon dass man Unliebsamen den Mund verbietet, sie ausl\u00e4dt, sie gar vor die T\u00fcr setzt. Man sollte eher von \u201eerasion culture\u201c sprechen. Denn was nicht ins ideologische Konzept passt wird ausgel\u00f6scht, getilgt, ausradiert wie einst in Ungnade Gefallene auf retuschierten Photos unseligen Gedenkens. Dem Unbotm\u00e4\u00dfigen droht der soziale Tod, er wird mundtot gemacht, isoliert, verbannt. Tag und Nacht sind die unsichtbaren Scherbengerichte am Werk. Es bl\u00fcht die Zensur und, fataler sogar, die Selbstzensur. Wer traut sich noch, etwas zu sagen, zu schreiben, zu ver\u00f6ffentlichen was den neuen Qu\u00e4storen und Zensoren gegen den Strich geht?<\/p>\n<p>Wie wichtig ist die Freiheit den Menschen wirklich, wenn es gilt, Freiheit gegen andere G\u00fcter abzuw\u00e4gen, Wohlstand etwa oder Sicherheit? Es ist keineswegs sicher, dass die meisten Menschen auf Freiheit mehr als auf alles andere erpicht sind. Menschen streben nach Autonomie, Selbstbestimmung, aber viele sind auch bereit, auf solche Werte zugunsten anderer Werte wenigstens zeitweise zu verzichten. Von dem Gemeinwesen, der Polis her gesehen, geht es darum, die \u201egoldene Mitte\u201c zwischen v\u00f6lliger individueller Ungebundenheit einerseits und Verantwortung f\u00fcr die Gemeinschaft andererseits, zwischen Chaos und Despotismus auszuloten.<br \/>\n<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sorry, this entry is only available in Deutsch.Beitrag von ARMAND CLESSE an der Konferenz 2025 der WUF in Gy\u0151r Sehr viele Menschen machen sich Sorgen um die Sicherheit oder um das Klima, sehr wenige um die Freiheit. Oder wer w\u00fcrde schon f\u00fcr die Verteidigung der Grund\u00adfreiheiten auf die Stra\u00dfe gehen? 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