{"id":357,"date":"1974-10-06T21:07:34","date_gmt":"1974-10-06T21:07:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.freidenker.org\/wuf\/cms\/?p=357"},"modified":"2017-10-15T11:43:18","modified_gmt":"2017-10-15T09:43:18","slug":"erklarung-zur-weltlage-und-freidenkerarbeit-1974","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.libres-penseurs.net\/en\/erklarung-zur-weltlage-und-freidenkerarbeit-1974\/","title":{"rendered":"Perspektiven des Freidenkertums (Rotterdamer Erkl\u00e4rung 1974)"},"content":{"rendered":"<p class=\"qtranxs-available-languages-message qtranxs-available-languages-message-en\">Sorry, this entry is only available in <a href=\"https:\/\/www.libres-penseurs.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/357\" class=\"qtranxs-available-language-link qtranxs-available-language-link-de\" title=\"Deutsch\">Deutsch<\/a>.<\/p><p><strong>Weltunion der Freidenker<\/strong><\/p>\n<p>In Anwendung der Erkl\u00e4rung von 1904 auf die heutige Weltlage und auf die k\u00fcnftige Freidenkerarbeit erkl\u00e4rt die Weltunion der Freidenker:<\/p>\n<p>I. Im letzten Drittel des XX. Jahrhunderts steht die Menschheit mitten in der tiefsten gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Umw\u00e4lzung ihrer Geschichte. Gro\u00dfartige Fortschritte in Forschung, Technik und Gesellschaftswissenschaften beweisen die fast unbegrenzten F\u00e4higkeiten und M\u00f6glichkeiten der Menschen. Tiefgreifende Ver\u00e4nderungen und Ersch\u00fctterungen gesellschaftlicher Strukturen und Machtverh\u00e4ltnisse als Ergebnis menschlichen Handelns haben Millionen zu bewussten Baumeistern ihres eigenen Lebens gemacht. T\u00e4glich werden neue Millionen in diesen Prozess des bewussten Kampfes um die Zukunft hineingezogen. Zun\u00e4chst spontan, dann immer mehr fundiert und wissenschaftlich gesichert, erkennen Menschenmassen ihre eigene Kraft, ihre F\u00e4higkeiten und ihre M\u00f6glichkeiten. Sie liefern t\u00e4glich Beweise f\u00fcr einen neuen Humanismus der Tat. Unter den Hammerschl\u00e4gen neuer Entwicklungen und Perspektiven verlieren Aberglaube, Mystizismus, spekulatives Denken und Hoffnungen immer mehr ihre Daseinsberechtigung.<!--more--><\/p>\n<p>Trotzdem ist die Entwicklung der Menschheit kein Selbstlauf. Die Umw\u00e4lzungen in Forschung und Gesellschaft erfordern immer mehr ein h\u00f6heres Weltbild und Weltverst\u00e4ndnis. Die Notwendigkeit bewusster Planung gesellschaftlicher Prozesse selbst in L\u00e4ndern des Sp\u00e4tkapitalismus macht die Entwicklung und den Ausbau eines st\u00e4rkeren systemkritischen Denkens sowie die Freisetzung aller menschlichen F\u00e4higkeiten und Talente zu einer Lebensnotwendigkeit. Das setzt die entschiedene Zur\u00fcckdr\u00e4ngung aller Erscheinungen einer an au\u00dferirdische M\u00e4chte gebundenen fatalistischen Schicksalsbezogenzeit, aller Theorien des \u201ewissenschaftlich fundierten\u201c Aberglaubens und die Erniedrigung des wissenschaftlichen Fortschritts auf g\u00f6ttliche Weltpl\u00e4ne oder \u00fcberirdische Eingriffe in die Geschichte der Menschheit voraus. Nichts war in der Geschichte der Menschheit ein Geschenk des Himmels, alles mussten sich die Menschen erarbeiten und erk\u00e4mpfen, oft unter gr\u00f6\u00dften Opfern.<\/p>\n<p>II. Das alles beeinflusst tief die Welt, in der die Freidenkerbewegung lebt und arbeitet. Sie ist eine kulturpolitische Bewegung auf internationaler Ebene und in nationalen Sektionen f\u00fcr gesicherten Frieden, f\u00fcr reale Demokratie und einen voll entfalteten Humanismus. Dieser Humanismus wird nicht einfach proklamiert, sondern verwirklicht sich im t\u00e4glichen Kampf der Menschen.<\/p>\n<p>Voll entfalteter Humanismus ist nicht m\u00f6glich, solange das Sondereigentum an den Brot- und Lebensquellen die arbeitenden Menschen von der Verf\u00fcgung \u00fcber ihre eigenen Lebensgrundlagen ausschlie\u00dft.<\/p>\n<p>Voll entfalteter Humanismus ist nicht m\u00f6glich, solange das Streben nach h\u00f6chstm\u00f6glichem pers\u00f6nlichen Gewinn der Sondereigent\u00fcmer alle zwischenmenschlichen Beziehungen vergiftet und letztlich sogar zur Quelle von Kriegen wird. Dass zu deren Vorbereitungen die Demokratie st\u00e4ndig angegriffen und eingeschr\u00e4nkt wird, hat die j\u00fcngste Geschichte bewiesen. Faschismus, II. Weltkrieg und Vietnam bleiben als st\u00e4ndige Mahnung und Verpflichtung.<\/p>\n<p>Voll entfalteter Humanismus ist nicht m\u00f6glich, solange einige Million\u00e4re den vielen Millionen die Kontrolle \u00fcber die Massenmedien vorenthalten. Aus Profitgr\u00fcnden wird auch die Unterordnung der Kultur unter die eigens\u00fcchtigen Interessen der Sondereigent\u00fcmer vorgenommen.<\/p>\n<p>Deshalb m\u00fcssen Freidenker klar Partei ergreifen f\u00fcr Frieden, Demokratie und echten Humanismus, f\u00fcr die Freisetzung aller Anlagen und F\u00e4higkeiten der Menschen zum Handeln und zur L\u00f6sung dieser Perspektiven. Darum kann die Feidenkerbewegung politisch nicht neutral, muss aber parteipolitisch unabh\u00e4ngig sein.<\/p>\n<p>Deshalb muss sie klar Stellung beziehen gegen alle Versuche der Unterdr\u00fcckung, der Manipulation, geistiger Knechtung und Entm\u00fcndigung in alten und neuen Formen.<\/p>\n<p>III. Weil \u00fcber zeugende Freidenkerarbeit nur in der realen Gesellschaft und auf wissenschaftlich exakter Grundlage entwickelt und geleistet werden kann, ist sie niemals Religionsersatz. Jede Form eines Unfehlbarkeitsanspruchs liegt ihr fern. Positive Freidenkerarbeit ist nicht auf einigen antireligi\u00f6sen Vorbehalten aufgebaut. Hauptanliegen der Freidenker war, ist und bleibt die Verbreitung eines modernen wissenschaftlichen Weltbildes, um die Menschen immer mehr zur aktiven Bew\u00e4ltigung ihrer eigenen Zukunft zu bef\u00e4higen.<\/p>\n<p>Da die Freidenker als t\u00e4tige Humanisten mitten in den gr\u00f6\u00dften wissenschaftlichen du gesellschaftlichen Umw\u00e4lzungen wirken, m\u00fcssen sie zur Erreichung ihrer Ziele entschieden gegen jede Form des Fatalismus, jeden Glauben an den Selbstlauf der Entwicklung, gegen Faschismus, Rassismus, Nationalismus, V\u00f6lkerhetze und Kriege, gegen alle Formen der Erniedrigung der Frauen (z.B. Strafbarkeit des Schwangerschaftsabbruchs), gegen lebensgef\u00e4hrliche Umweltverschmutzung (materieller, moralischer und intellektueller Natur) aus Profitgr\u00fcnden k\u00e4mpfen. Sie m\u00fcssen alle Formen des \u201eneuen\u201c Mystizismus und alle Bindungen an h\u00f6here Wesen in den richtigen gesellschaftlichen Rahmen bringen und auf dieser Grundlage bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Deshalb ist es eine entscheidende Aufgabe der Freidenkerarbeit, die wirklichen Macht- und Herrschaftsverh\u00e4ltnisse an das Tageslicht zu bringen, die Methoden und Formen der Verkl\u00e4rung und Verschleierung des Sondereigentums und seiner gesellschaftlichen Wirkungen zu enth\u00fcllen, den politischen Klerikalismus entschieden zu bek\u00e4mpfen. Die Antiposition der Freidenker zu diesen Erscheinungen ist kein Selbstzweck, sondern logischer Bestandteil der Arbeit bei der L\u00f6sung der Hauptaufgabe der Freidenker im Umbruch unserer Zeit \u2013 Beseitigung aller gesellschaftlichen Ketten und ihres Heiligenscheins, die der v\u00f6lligen Befreiung der Menschheit im Wege stehen.<\/p>\n<p>IV. Auf der Grundlage der heutigen Verh\u00e4ltnisse und im Lichte der Perspektiven der weiteren Entwicklung ergeben sich die unmittelbaren Ansatzpunkte der Freidenkerarbeit:<\/p>\n<p>Durchsetzung einer modernen Bildungspolitik auf allen Ebenen, einschlie\u00dflich der Berufsausbildung, die den Erfordernissen unserer Zeit und der Zukunft entspricht. Ausschaltung aller \u00fcberholter und unwissenschaftlicher Bildungsinhalte und Bildungsziele, von der mystischen Philosophie bis zum Militarismus.<\/p>\n<p>Ringen um die v\u00f6llige geistige Freiheit und die Heranbildung des m\u00fcndigen und verantwortlichen B\u00fcrgers, uneingeschr\u00e4nkte Trennung von Staat und Kirchen und Schulen und Kirchen.<\/p>\n<p>Kampf gegen alle Formen des Diskriminierung von Menschen aus weltanschaulichen oder rassistischen Gr\u00fcnden, Solidarit\u00e4t mit allen Opfern jeder Gewaltpolitik.<\/p>\n<p>F\u00fcr Geburtenkontrolle, Geburtenplanung und Recht auf Schwangerschaftsabbruch.<\/p>\n<p>Unterstellung der Massenmedien und aller gesellschaftlichen Voraussetzungen der Kultur unter die Kontrolle des Volkes bzw. der V\u00f6lker.<\/p>\n<p>Verwirklichung der vollen Mitbestimmung des Volkes in allen Bereichen von Staat, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur.<\/p>\n<p>Teilnahme an allen Bestrebungen zur Sicherung des Friedens, der Abr\u00fcstung und Ausschaltung des Militarismus und der Gewalt aus dem Leben der V\u00f6lker \u2013 Entlarvung aller Bestrebungen, dem Krieg eine g\u00f6ttliche Legitimation zu verleihen.<\/p>\n<p>Widerstand gegen alle Versuche, die Ergebnisse von Wissenschaft, Forschung und Technik den eigens\u00fcchtigen Interessen der Sondereigent\u00fcmer unterzuordnen.<\/p>\n<p>Verbreitung einer humanistischen und wissenschaftlichen Weltanschauung in der t\u00e4glichen Auseinandersetzung mit allen Formen des Aberglaubens, des Fatalismus und des Mystizismus.<\/p>\n<p>Kriterium f\u00fcr eine humanistische und wissenschaftliche Weltanschauung kann nur sein, dass sie den Realit\u00e4ten in ihrer Entwicklung entsprechen muss, dass sie aus den Realit\u00e4ten abgeleitet wird und nicht umgekehrt, dass sie die t\u00e4gliche praktische T\u00e4tigkeit der Menschen nicht hemmen, sondern f\u00f6rdern muss, dass sie Gegenwart und Zukunft nicht nur erkl\u00e4rt, sondern diese Welt f\u00fcr die Menschen ver\u00e4ndern hilft.<\/p>\n<p>Dabei sind Freidenker zur Zusammenarbeit und B\u00fcndnis mit jedem bereit, der gleiche oder \u00e4hnliche Ziele vertritt, unabh\u00e4ngig von den pers\u00f6nlichen Motiven.<\/p>\n<p>Der Dialog ist nach Meinung der Freidenker m\u00f6glich und notwendig bei offener Konfrontation (statt Verwischung) weltanschaulicher Ideen und Meinungen zum Zwecke der praktischen Zusammenarbeit und Aktion f\u00fcr eine friedliche, demokratische und humane Gestaltung der Zukunft der ganzen Menschheit. Freidenkerarbeit sollte den Menschen Gelegenheit geben, sich an Hand der eigenen Erfahrung von der Richtigkeit bestimmter Auffassung zu \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p>Wer zum \u00fcberzeugenden K\u00e4mpfer f\u00fcr die Zukunft des Menschen werden will \u2013 wer Schwierigkeiten und R\u00fcckschl\u00e4ge dabei nicht scheuen will \u2013 wer mit an der Spitze des allgemeinen Fortschritts marschieren will \u2013 der braucht ein klares weltanschauliches Fundament. Daran arbeiten die Freidenker heute, morgen und \u00fcbermorgen, dass der Mensch sich zum Menschen erhebe und nie mehr im Staub kriechen will, dass der Mensch \u00fcberall zum Ma\u00df der Dinge wird!<\/p>\n<p>Rotterdam, den 6. Oktober 1974<\/p>\n<p>Quelle: Joachim Kahl und Erich Wernig (Hrsg.) Freidenker &#8211; Geschichte und Gegenwart; Pahl-Rugenstein Verlag, K\u00f6ln 1981 (Kleine Bibliothek, Band 214),\u00a0\u00a0broschiert 204 Seiten; ISBN 3-7609-0611-7, Seite 167 &#8211; 170<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sorry, this entry is only available in Deutsch.Weltunion der Freidenker In Anwendung der Erkl\u00e4rung von 1904 auf die heutige Weltlage und auf die k\u00fcnftige Freidenkerarbeit erkl\u00e4rt die Weltunion der Freidenker: I. Im letzten Drittel des XX. Jahrhunderts steht die Menschheit mitten in der tiefsten gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Umw\u00e4lzung ihrer Geschichte. 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