Für ein neues Jahrtausend der Laizität und der Emanzipation

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Erklärung des Weltkongresses 1998 der Freidenker in Luxemburg

Von ihrem Luxemburger Kongreß 1998 erklärt die Weltunion der Freidenker:

An der Schwelle zum neuen Jahrtausend unserer Zeitrechnung stehen die Menschen weltweit vor neuen Herausforderungen. Diese Herausforderungen haben sich in vielen Bereichen zu Überlebensfragen zugespitzt, es geht um nicht weniger als das Überleben der Menschheit als Gattung auf diesem Planeten. Die Menschheit lebt in einer Zeitenwende mit weitreichenden Folgen für das gesellschaftliche und individuelle Leben. Vielfach ist das Bewußtsein für diese Problemlage nicht oder nur ungenügend vorbereitet. In der Tradition der Aufklärung stellen sich die Freidenker den qualitativen Veränderungen der Wirklichkeit und ihren geistigen, weltanschaulichen und ethischen Konsequenzen.

An der Schwelle zum neuen Jahrtausend ist die Kriegsgefahr nicht gesunken, die Zahl bewaffneter Konflikte nimmt zu, die Gefahr der Selbstauslöschung der Menschheit durch Atom- und andere Massenvernichtungswaffen bleibt akut. Die führenden Staaten der selbstproklamierten “Neuen Weltordnung” nehmen sich das Recht, ihren Zugang zu strategischen Rohstoffen und ihre Verfügungsgewalt darüber militärisch zu sichern, und dafür weltweit militärisch zu intervenieren. Führende Vertreter der etablierten Religionen treten allgemein für den Frieden ein, konkret jedoch segnen sie im Gegensatz zu den Friedensüberzeugungen ihrer Anhänger die Waffen, schüren Intoleranz, verstärken die Aggressionen und heiligen die Kriegsziele.

An der Schwelle zum neuen Jahrtausend nehmen auch in den sogenannten entwickelten Ländern Arbeitslosigkeit und Armut, Obdachlosigkeit und Ausgrenzung zu. Erreichte soziale Standards werden abgebaut, Fremde als Sündenböcke feilgeboten. In den unterentwickelt gehaltenen Ländern sterben täglich Tausende an Hunger und einfachen Krankheiten. Die Wirtschaft ist nicht Mittel immer besserer Bedürfnisbefriedigung aller, sondern Quelle steigender Profite weniger Sondereigentümer.

An der Schwelle zum neuen Jahrtausend häufen sich die Naturkatastrophen. Immer mehr Menschen in immer mehr Ländern werden Opfer der Naturgewalten – entfesselt durch unsachgemäßen, profitorientierten Umgang mit der Umwelt und Raubbau an den natürlichen Ressourcen.
Solche Erfahrungen von Krisen, Bedrohungen und Ohnmacht sind ein günstiger Nährboden für Religion, Aberglauben und verschiedenste Formen des Irrationalismus. Die Religionen gründen in der Entfremdung des Menschen im praktischen Leben und verfestigen sie zugleich geistig. Sie entziehen damit dem aktiven Handeln der Menschen gegen die vielfältigen realen Gefahren den Boden.

Führende Vertreter der Religionen proklamieren ein “Ende der Ideologien”, und sehen damit die Stunde ihrer religiösen Ideologie für gekommen. Sie setzen auf neue Missionierung und Anti-Säkularisierung, und wollen dafür die staatlichen Machtmittel in ihren Dienst stellen. Dagegen verteidigen die Freidenker die Laizität als Fundament der Menschenrechte und der Freiheit, der Demokratie und des Friedens. Mit einer “Rückkehr zur Religion” ist keines der drängenden Menschheitsprobleme zu lösen. Sie bietet lediglich illusionären Trost, eine Verklärung der bestehenden Verhältnisse und Heiligenscheine für die Verursacher der heutigen Probleme, sie bietet aber keine Grundlagen für das bewußte, selbständige und aktive Handeln zur Gewinnung der Zukunft.

Die Freidenker wirken für die Überwindung der vielfachen Entfremdung des Menschen – seiner Entfremdung von den Ergebnissen seines Schaffens, seiner Entfremdung von der Natur, seiner Entfremdung von seinen Mitmenschen, der Gesellschaft, und der Entfremdung von sich selbst. Diese Entfremdung ist nicht eingebildet, sondern hat ihre Ursache im tatsächlichen Sein, in den materiellen Grundlagen der menschlichen Existenz. Ihre Erkenntnis bedarf geistiger Anstrengung, des freien Denkens, aber ihre Überwindung muß auf die gesellschaftliche Realität zielen. Die Weltunion der Freidenker wendet sich gegen alle Verhältnisse, die des religiösen Trostes und Heiligenscheins bedürfen, gegen alle Verhältnisse, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.

Die Weltunion der Freidenker lehnt Dogmen, Vorurteile, Bevormundung ebenso ab wie absolute Wahrheiten und totale Herrschaft. Ausbeutung und Unterdrückung sind mit menschenwürdigen und selbstbestimmten Verhältnissen unvereinbar. Menschenwürde erfordert die universelle Geltung und die Realisierung der sozialen und individuellen Menschenrechte für alle Menschen.

Die Aufgabe der Freidenkerbewegung besteht nicht nur darin, die kirchlich spendierten Heiligenscheine für inhumane Verhältnisse zu zerreissen, unter geistiger Befreiung versteht sie die Befreiung des Geistes zur befreienden Tat.

Die Weltunion der Freidenker versteht freies Denken in Tradition und Fortsetzung der Aufklärung als Überwindung selbstverschuldeter Unmündigkeit. Sie tritt für die freie Entwicklung der Anlagen und Fähigkeiten aller Menschen ein, damit der mündige Mensch seine Geschicke in die eigenen Hände nimmt und bewußter Gestalter der Geschichte werden kann. Die Potenzen des Individuums müssen bewußt als Hauptressource des Überlebens und Voranschreitens der Menschheit genutzt werden.

Die Weltunion der Freidenker verteidigt die Vernunft im weltanschaulichen Denken und in den gesellschaftlichen Beziehungen. Sie sieht in der Entwicklung neuer religiöser Strömungen und Psychogruppen, in Esoterik und Okkultismus keine “willkommenen Partner” gegen die Macht der etablierten Kirchen. Freidenker treten dem Irrationalismus in alter wie in “neuer” Form entgegen, in seiner “heiligen” wie in seiner weltlichen Gestalt. Sie kämpfen gegen Faschismus und Rassismus als den barbarischsten Formen inhumaner Ideologie und Praxis.

Die Weltunion der Freidenker tritt für internationale Solidarität und Völkerfreundschaft ein. Sie wendet sich gegen neokolonialistische Ausplünderung der unterentwickelt gehaltenen Länder, gegen ein Herr-Knecht-Verhältnis in den internationalen Beziehungen, sie tritt für materielle Solidarität und die freie Entscheidung aller Länder über ihre Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung ein. Die Länder Afrikas, Asiens und Lateinamerikas dürfen nicht länger als ausgegrenzte Objekte der “Neuen” Weltwirtschaftsordnung behandelt werden, die Potenzen der Menschen dieser Länder sind zunehmend unverzichtbar zur Lösung der globalen Probleme.

Die Weltunion der Freidenker wendet sich gegen jede Gewaltanwendung und -androhung zwischen den Staaten, Militäreinsätze in fremden Ländern sowie prinzipiell gegen Kriege als Mittel der Politik. Sie wendet sich besonders gegen Kriege für imperialistische Interessen, zur Sicherung oder Erweiterung von Einflußzonen, des Zugangs zu strategisch bedeutsamen Rohstoffen, zur Bekräftigung von “Führungsmacht”-Ansprüchen. Sie wendet sich gegen die mißbräuchliche rassistische Inanspruchnahme des Selbstbestimmungsrechts zwecks völkischer Aufsprengung von Nationalstaaten. Sie wendet sich gegen nationalistische Überheblichkeit, gegen die Instrumentalisierung von ethnischen oder religiösen Minderheiten zur Schaffung von Konflikten und staatlicher Desintegration. Sie wendet sich gegen religiösen Fundamentalismus und Terrorismus sowie politischen Klerikalismus, sie enttarnt die von imperialistischen Machthabern und Kirchen aufgebauten ideologischen Gegensätze, mit denen die Völker gegeneinander ausgespielt werden sollen. Die nach der Befreiung vom Faschismus geschaffene Friedensordnung in Europa muß gegen revanchistische und revisionistische Ansprüche im Zusammenhang mit der politischen Einigung Europas verteidigt werden. In diesem Sinne unterstützt die Weltunion der Freidenker die Solidaritäts- und Friedensbewegung weltweit.

Die Weltunion der Freidenker bekräftigt ihr Eintreten
* für die Verteidigung und Verwirklichung der Laizität, für die reale Trennung des Staates von den Kirchen, gegen die Machtansprüche des Klerikalismus und religiösen Fundamentalismus;

* für eine politische Verfassung der vollentfalteten Demokratie, der Teilhabe aller Bürger an allen gesellschaftlichen Bereichen, der Verwirklichung der individuellen Freiheit und Menschenrechte sowie der völligen Emanzipation des Menschen;

* für eine wirtschaftliche Verfassung, die die sozialen Menschenrechte realisiert, allen ihren Anteil am gemeinsam geschaffenen Reichtum sichert und eine gemeinsame, nachhaltige und planmäßige Bewirtschaftung aller Ressourcen gewährleistet;

* für eine staatliche Verfassung der Gleichberechtigung, Gleichbehandlung und realen Chancengleichheit aller Bürger, unabhängig ihrer nationalen oder ethnischen Herkunft, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung, ihres Alters, ihrer Gesundheit, ihrer körperlichen oder geistigen Verfassung, ihrer religiösen, weltanschaulichen und politischen Überzeugung;

* für die Entfaltung der Wissenschaft gemäß ihrer eigenen Natur im Interesse der Erhaltung und humanen Entwicklung der Lebensqualität aller Menschen unseres Planeten, für ihre Loslösung von den Sonderinteressen der Kapitalverwertung;

* für die Weiterentwicklung und Geltendmachung unseres freidenkerischen Menschenbildes und der humanistischen Ethik gemäß den objektiven Veränderungen und Erfordernissen in den gesellschaftlichen Verhältnissen und im Verhältnis zur Natur, für gemeinsames Nachdenken und den Dialog mit allen, die gegen die verschiedenen Spielarten des Irrationalismus für die Verteidigung der Vernunft im weltanschaulichen Denken und in der Politik eintreten.